Von Acid Casein über Lactalbumin bis hin zu Vitamelo – seit vielen Jahren wird über kaum ein anderes Thema so viel geschrieben, philosophiert und diskutiert wie über Rohstoffe für Boilies. Auch wir werden dieses Thema heute nicht abschließend behandeln. Doch als Entwickler von Mischfuttermitteln kommt im neuesten Teil unserer 12 ft. Kolumne Thomas Roll zu Wort, der sich bereits seit vielen Jahren mit dem Thema Boiliezutaten befasst. Denn eines weiß der Bait Fabrik Chef ganz genau: Ein Produkt lebt nicht von seinem Namen oder einer gezielten Werbung. Nein, es lebt von seinen Zutaten.

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Auf diese Rohstoffe kommt´s an – Thomas Roll

Ich möchte nicht zu weit ausholen, für mich als Hersteller sind folgende übergeordnete Rohstoffgruppen maßgebend:

  • Kohlenhydrate
  • Proteine
  • Fette/Lipide
  • Attraktoren/Zusätze

Beispielhaft möchte ich euch aus den einzelnen, für uns in der Herstellung relevanten Rohstoffgruppen, die ein oder andere wichtige technische Eigenschaft darstellen – und eventuell auch mit einigen Unwahrheit aufräumen.

Die richtige Sorte macht´s: Kohlenhydrate

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Kohlenhydraten: pflanzliche und tierische. Zu den pflanzlichen Kohlenhydraten gehören Getreideprodukte, Kartoffelprodukte usw. Pflanzliche Rohstoffe unterscheiden sich nach Zahl der Grundbausteine, in Monosaccharide, Disaccharide und Polysaccharide. Diese unterteilen sich nochmals in einfache und komplexe Kohlehydrate. Und unter Anbetracht der Verknüpfungsart benötigt der Organismus Enzyme zur Verwertung. Daneben möchte ich natürlich noch ein Beispiel für ein tierisches Kohlenhydrat geben, dazu gehört bspw. der Milchzucker.

Ein viel verwendetes Produkt bei der Herstellung von Boilies ist der Weizen in Form von Grieß. Hier unterscheidet der Fachmann zwischen Einkornreihe, der tetraploiden Emmerreihen und der hexaploiden Dinkelreihe. Als Angler müsst ihr euch diese Begriffe natürlich nicht merken, aber als Produzent sollte man die Unterschiede schon kennen.

Wer als Selbstroller oder Produzent mit diesen Begriffen Erstkontakt hat, muss sich jetzt nicht verrückt machen. Bei der Herstellung sind in erster Linie nur die Nacktweizen der Emmerreihe interessant, und auch hier nur die Weichweizen-Sorten. Immer wieder klagen Angler, dass der Boilie aufschwämmt, sich im Wasser vergrößert. Das ist der Hartweizengrieß. Wir nennen das jetzt mal den „Grießklöschen-Effekt“. Denn genau diese Grießklöschen werden mit Hartweizen hergestellt und quellen beim Kontakt mit Wasser auf. Wir merken: in der Boilieproduktion verwenden wir Weichweizengrieß.

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Proteine – die Basis aller lebenden Zellen

Allein diese Tatsache zeigt uns, wir brauchen im Boilie Protein. Aber welches? Die Vielfalt des strukturellen Aufbaus erschlägt uns förmlich. Die Primärstruktur, die Sekundär-, Tertiär und Quartärstruktur zeigen uns die große Bandbreite der Proteine. Genau diese Strukturen tragen auch die Verantwortung für die unterschiedlichsten technischen Eigenschaften bei der Verarbeitung dieser für uns sehr wichtigen Proteine. Die Fähigkeit einzelner Proteine bestimmt über die Stabilisierung von Gelen, Schäumen, Teigen, Emulsion und fibrillären Strukturen ganz wesentlich. Diese physikalischen Eigenschaften machen wir uns bei der Produktion unserer Köder und Zusätze wie Liquids usw. zunutze.

So, aber was steht uns eigentlich an Proteingruppen zur Verfügung? Wir teilen aus fachlicher Sicht eines Herstellers die Proteine in drei Gruppen ein:

  • Pflanzenprotein – Getreide, Ölsaaten und Leguminosen
  • Tierisches Protein – wie Fischmehl, Milch, Ei
  • Protein aus Algen – wie Chlorella, Spirulina, Scenedesmus

Ihr seht schon, ein Fass ohne Boden und das Spektrum als Ganzes hier aufzuführen – unmöglich. Die Thesen und Meinungen, basierend auf Foreneinträge, irgendwelchen Mixrechnern und was man im Netz nicht alles findet, sind meiner Meinung nach nur bedingt brauchbar. Diese Werkzeuge spiegeln in keiner Weise ein exaktes Ergebnis der eingegeben Einzelwerte wieder. Sicher, ein Forum lebt von der Diskussion und das ist auch gut so, aber auch genau diese Diskussionen weichen oftmals auch komplett vom Thema ab und führen einen oftmals nur in die Irre.

Für uns in der Produktion von Boilies ist es wichtig, den Rohstoff so zu wählen, dass dieser auch zum technischen Aspekt passt – genauer gesagt, was der Boilie können soll. Als Beispiel möchte ich euch hier vor Augen führen, dass das verarbeitende Protein verantwortlich für die Oberflächenspannung ist. Man steuert über die Auswahl der Einzelrohstoffe, die mit einem hohen Proteinanteil ausgestattet sind, die Technik des Boilies. Nicht nur alleinig, aber sehr signifikant.

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Salze – mit Vorsicht zu genießen

Die Proteine bedürfen auch einer ihrer artgerechten Behandlung, um genau ihre Wertigkeit aufrecht erhalten zu können. Dafür verantwortlich sind auch gewisse äußere Einflüsse wie pH-Wert, Temperatur, Alkohole und Salze. Oha, jetzt wird es spannend: Salze. Das Salz denaturiert das Protein. Für alle Befürworter der gesalzenen Variante, um Boilies zu konservieren, möchte ich mit auf den Weg geben, dass ihr zwar mit einem natürlichen Produkt konserviert aber euer Produkt – den Boilie – mit eurem Konservierungswunsch nicht unbedingt besser macht. Denn die negativen Folgen einer Denaturierung sind Abnahme der Löslichkeit, Verlust der biologischen Aktivität (Enzymaktivität) und Erhöhung der Angreifbarkeit durch Proteasen. So, weiter möchte ich zum Thema Salze auch nicht ausschweifen.

Die Verarbeitung ist entscheidend: Egg-Albumin

Als Halbwahrheit möchte ich euch noch das Produkt Egg-Albumin vorstellen. Egg-Albumin weißt für uns in der Praxis einerseits hervorragende Eigenschaften der Bindung auf, denn es ist das reine Hühnerweiß. Egg-Albumin kann uns aber nur seine Fähigkeit der vollen Bindung zur Verfügung stellen, wenn auch der Produktionsprozess, der Prozess der Trennung von Eigelb und dem Fett vollständig clean zum Abschluss kommt. Egg-Albumin ist absolut fettfrei!

So, was heißt das für uns in der Produktion? Wir haben auf der einen Seite einen Rohstoff mit einer ausgesprochenen Fähigkeit an Bindung, aber wie wird der verarbeitet? Ich finde es immer interessant, wenn Boilie-Dreher Egg-Albumin zu ihrer Mixtur hinzugeben und behaupten, dass das Endprodukt eine Härte aufgrund des Rohstoffeinsatz aufweist. Und vor allem dann, wenn der Teigmasse noch eine Nacht Ruhe gegönnt wird, um richtig schön ziehen zu können. Leute, was ihr macht ist, dass ihr das Egg-Albumin wieder mit Fetten verunreinigt und somit die ganze Sichtweise des Aushärtens schlichtweg Quatsch ist, weil das Egg-Albumin im Zuge der Verarbeitung zum größten Teil seine Bindefähigkeit verliert. Um genau diese technische Fähigkeit des Rohstoffes aufrecht zu erhalten, muss bei der Verarbeitung das Egg-Albumin zum Schluss des Knetvorgangs der Teigmasse zugegeben werden und die Kontaminationszeit darf bis zur Verarbeitung nicht länger als 15 Minuten sein.

Des Weiteren möchte ich euch an dieser Stelle noch auf Folgendes beim Rohstoffeinkauf hinweisen. Wählt euren Lieferanten dieses Produktes nicht nach dem Preis, sondern nach der Qualität. Wenn man Egg-Albumin für einen Kilogramm-Preis unter 10 € findet, ist es in der Regel eine mit Fetten verunreinigte Ware. Diese Verunreinigung erfolgt beim Hersteller, im Herstellungsprozess was aber den Rohstoff nicht verderblich macht. Und genau diese verunreinigte Ware kann man sehr günstig gewerblich erwerben. Dieses Produkt dient aber lediglich noch als Eiweißlieferant und nicht als Binder/Härter.

Zum Thema Protein möchte ich an dieser Stelle auch abbrechen, denn ihr seht die Komplexität, die hinter diesem Thema steckt. Wenn ich an dieser Stelle das Thema weiter forciere, sprengt das mit Sicherheit den Rahmen der Kolumne.

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Fette – bei der Boilieherstellung nicht zu unterschätzen

Ein etwas unspektakuläres Thema. Dennoch nicht zu vernachlässigen, denn die ungesättigten Fette sind unsere Zielgruppe. Es Bedarf einiges an Recherche, um für sein Produkt – für seinen Boilie – die richtigen Lieferanten der hochgelobten Fette zu finden. Des Weiteren möchte ich euch auch noch sagen, unterschätzt die Fette und Öle nicht, denn sie sind unter anderem auch zu einem großen Teil der Geschmacks-und Geruchsträger und nicht zuletzt verantwortlich für das Aroma. Zu pflanzlichen Ölen würde ich euch zur Gänze raten, denn dieses enthalten einen hohen Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren.

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Mit Bedacht zu wählen: Attraktore

Ich denke, viele von euch besorgen sich den ein oder anderen Attraktor aus dem Bauchgefühl raus. Mal da was gelesen, mal dort was gehört. Ah, der Kumpel meinte doch auch noch…Leute, auch hier bitte mit Bedacht und lasst euch nicht von Gefühlen leiten, sondern hinterfragt euer Tun. Ich möchte hier jetzt nichts von all dem tollen Zeugs, das uns den Wunderköder bringen soll, aufführen. Denn auch hier: kein Licht am Ende des Tunnels.

Gesamtausführend möchte ich sagen, wählt eure Rohstoffe wohl überlegt. Wer hier mit Sachverstand vorgeht und sich adäquat beraten lässt, hat schon die halbe Miete und die entsprechende Rohstoffrendite. Prolin wird immer wieder als eine der Aminosäuren angepriesen, die einen sehr starken Fressreiz auslösen soll. Den Karpfen entsprechend zum Fressen zu animieren. Auch hier möchte ich gerne folgendes Beispiel anführen: Prolin wurde 1901 von E. Fischer im Casein und Eialbumin entdeckt. Prolin ist in vielen Proteinen zu 4-7% enthalten, reichlich kommt es im Weizenprotein (10,3%), in der Gelantine (12,8%) und im Casein (12,3%) vor. Und, Prolin ist nicht essentiell! Es sagen doch aber immer alle, dass die nicht essentiellen Amonisäuren nicht wichtig sind, nur die essentiellen sind so unheimlich wirksam.

Anhand dieser Unwahrheit seht ihr, welche eklatante Unterschiede in den Meinungen der Angler grassieren. Ich frage mich immer, aus welchen Quellen der Karpfenangler oder der Boilie-Hersteller der komplett beruflich in einer anderen Sphäre unterwegs ist, sein Fachwissen zur Herstellung von Futtermittel generiert. Beim Angler spielt das nicht so die große Rolle, denn er kann sich höchstens selbst im Wege stehen. Bei der gewerblich Herstellung grenzt es für mich zum Teil schon an Anmaßung, mit welchen Aussagen einzelne Produkte erklärt und dargestellt werden. Boilieherstellung und Futtermittelherstellung sind kein Hobby nach Tagesform, sondern ein Inverkehrbringen unterschiedlichster Produkte, die zum Eintrag in die Gewässer hergestellt werden.

So Leute, genug gelabert. Ich möchte mich hier an der Stelle für die Reaktionen der ersten Beiträge der 12 ft. Kolumne bedanken. Es war unglaublich, was von euch dazu als positives Feedback gekommen ist, besten Dank. Ich hoffe, ich kann euch auch bei diesem Thema wieder abholen und etwas die Sinne schärfen. Wie immer etwas aus der kritischen Sichtweise, aber so bin ich.

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