Herzlich willkommen zur neuen 12 ft. Kolumne! In der ersten Ausgabe nimmt Thomas Roll von der Bait Fabrik den Lac de Saint Cassien mal genauer in den Blick. Über viele Jahre hinweg pilgerten Karpfenangler aus den unterschiedlichsten Ländern an das französische Kultgewässer. Doch unter anderem das Nachtangelverbot aus dem Jahr 2013 hat so manches verändert. Tom wirft seinen ganz persönlichen Blick auf den Stausee an der Côte d´Azur – im Wandel der Zeit. Los geht´s und viel Spaß mit der ersten Ausgabe der 12 ft. Kolumne.

Im Wandel der Zeit – Lac de Saint Cassien

„Früher war alles besser“, „Die heilige Hölle“, „Hier fängt man ja eh nichts“, „Krankes Reglement“, „Sch**ß Nachtangelverbot“ – das sind die Aussagen derer, die wieder Abreisen, ohne Fischbilder im Gepäck zu haben. Ich tue mir schwer, bei diesem Thema den richtigen Einstig zu finden und wie ich das Gewässer heute erlebe. Für mich persönlich ist die Zeit, die ich am Lac de Saint Cassien verbringe, in erster Linie Urlaub, denn das Gewässer hat nichts von seiner Schönheit über all die Jahrzehnte hinweg eingebüßt. Seit den harten Kontrollen des Nachtangelverbotes durch die Guard de Peche und die Gandamerie hat der See für viele Karpfenangler den Reiz verloren und sehr viele kehrten dem Kultgewässer den Rücken. Über viele Jahre hinweg pilgerten jedoch Karpfenangler aus den unterschiedlichsten Ländern an die Côte d´Azur, um die Giganten, die Beautys und all die außergewöhnlichen Karpfen des See zu jagen. Jeder wollte sich seine persönlichen Trophäen auf die Speicherkarten brennen, um die Erfolge im Süden Frankreichs in der fernen Heimat präsentieren zu können.

Nachtangelverbot – ab jetzt alles anders am Lac de Saint Cassien?

2013, das Jahr der Entscheidung – Nachtangelverbot und das Verweilen nachts am See wurde zur Gänze verboten! Auch wenn diese Änderungen die Angelei komplett auf den Kopf stellte und sich viele darüber aufregten, diese Entscheidungen kamen nicht von irgendwo.

Für mich brachte das erste Jahr am Cassien mit den neuen Regeln auch einige Veränderungen mit sich, denn man musste sich neu organisieren. Und genau bei dieser Neuorganisation lernte ich Matthew Woods kennen. Ein Engländer, der – wenn man so will – ausgestiegen ist und jetzt an der Côte d´Azur seinen Traum von Freiheit und Angeln lebt. Matt betreibt Cassien Carp Tours – ein Camp in der Nähe des Sees, in dem die Karpfenangler ihre Base einrichten können und von da aus früh morgens zum See aufbrechen und in den späten Abendstunden wieder zurückkehren.

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Tagangeln Ruine Point im November – nach dem Fang mehrerer Fische

Die folgenden Jahre bis einschließlich 2017 waren mitunter die schönsten und erfolgreichsten, aber auch die anstrengendsten für mich. Das tägliche Auf – und Abtackeln zerrt einfach nach zwei Wochen an der Substanz und das mit dem Schlaf ist auch so eine Sache. Allen voran war das Jahr 2016 für mich sehr prägend. In der Summe verbrachte ich in diesem Jahr etwas über zwei Monate am See, aufgeteilt auf vier Besuche über das ganze Jahr verteilt. Man hatte den Eindruck, dass die Fische das Nachtangelverbot regelrecht genossen und sich das Verhalten spürbar veränderte. In diesem für mich sehr prägenden Jahr, konnte ich auch tagsüber eine Unmenge an Karpfen fangen und der krönende Höhepunkt war die Zeit im Spätherbst. Ich ahnte zu Beginn des Jahres in keinster Weise, was ich zum Abschluss bei meiner letzten Session 2016  noch alles erleben sollte.

Im November durfte ich mir nicht nur einen Traum erfüllen, nein, meinen Traum leben – mit dem Fang eines Spieglers mit dem unglaublichen Gewicht von 31,8 Kilo! Und es kamen an diesem Tag weitere schöne Fünfziger, was sich in der Summe bei vier Fischen fast auf 100 Kilo Gesamtgewicht aufaddierte. Einfach Unglaublich!

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Nordarm Spiegler mit 31,8kg

Mit Durchhaltevermögen zum Erfolg

Was ich dir hiermit näherbringen möchte, ist die Tatsache, dass man auch tagsüber unbeschreibliche Sessions erleben kann und der Cassien nach wie vor Storytelling betreibt. Und wer ein paar gewisse Attribute an den Lac de Saint Cassien mitbringt, kann nach wie vor seine ganz persönliche Erfolgsgeschichte schreiben. Sicherlich ist das anstrengend, wenn Tag für Tag aufs Neue das komplette Tackle in das Auto gepackt werden muss, das Pendeln zum Camp, das Vorbereiten auf den nächsten Tag, aber man wird auch belohnt. Die Neuausrichtung war auch Ursache dafür, dass sich vieles am See veränderte. Die Jahre bis einschließlich 2017 waren für mich eine der schönsten in meiner Cassien-Angelei. Natürlich sind meine Bewertungen subjektiv, aber ich bin davon überzeugt, dass die große Veränderung am See ab 2018 eintrat.

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Durch mein persönliches Netzwerk und die der Bait Fabrik sammeln sich bei mir viele Infos zum Thema Cassien-Angeln. Verschieden Gründe ließen den Bestand an Karpfen schrumpfen und die Zeit der Massenfänge ist meiner Meinung nach definitiv vorbei. Auf die Ursachen, warum sich der Bestand dezimiert hat, möchte ich nicht näher eingehen. Einzelfische sind immer möglich, aber wer seine Zeit am Cassien verbringen will, sollte Durchhaltevermögen mitbringen. In den Sommermonaten fängst du erst einige Welse bevor man einen der Karpfen drillen kann. Und von der Tatsache bleiben auch die „alten Hasen“ nicht verschont, auch die nicht, die den See zum Teil schon Jahrzehnte befischen. Die Angelei am Cassien ist aufwändig geworden und man muss sich auch mit den unterschiedlichsten Themen auseinandersetzen, um seine persönlichen Ziele erreichen zu können.

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Südarm bei Vollstau – it`s Biggi Time

In der Hölle angeln – definitiv nicht!

Schwieriger ist es geworden und man muss sich mehr strecken, mehr Aufwand betreiben und vor allem die Bereitschaft mit an die Côte d´Azur bringen, auch mal einige Tage zu blanken. Plant eure Besuche nach den Mondphasen, diese spielten in den vergangenen Jahre eine große Rolle. Versucht Bereiche zu beangeln, in denen die Tage zuvor keiner saß und Futter einbrachte und die Fische in Ruhe fressen konnten. Christopher Paschmanns hat in seinem Buch Karpfenzeit ein Zitat stehen: beangelt den Cassien so bescheuert, wie es nur geht! Ich kann diese Aussage nur unterstreichen, denn wenn man früh am See ist und die Ruten im ersten Licht liegen, ist es nicht unwahrscheinlich, einen der großen „Streuner“ in 50 cm Wassertiefe zu fangen.

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Kevin Ellis Point im ersten Licht – die Bisse kamen Schlag auf Schlag

Ich konnte und durfte all die vielen Jahre viele besondere Fische fangen und der Mythos um dieses Gewässer bleibt in mir erhalten. Auch werde ich den See immer wieder besuchen, denn für mich persönlich bleibt es das „Karpfengewässer“ Europas.

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