Ein Artikel von Sebastian Manecke

Nass, kalt, grau und windig! Jeder einzelne Zentimeter außerhalb des eigenen, beheizten Wohnzimmers war eine absolut lebensfeindliche Umgebung. Und dann rief auch noch Simon an: „Ey Gonzo, lass uns mal Samstag noch eine schnelle Nacht angeln fahren. Bald ist das Jahr vorbei und du hast immer noch keinen richtig dicken auf der Matte gehabt!“

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Auf meinen Schultern brachten sich Engel und Teufel langsam in Stellung und bereiteten sich auf das wohl hitzigste Gefecht des Jahres vor. In meinem Gehirn machten sich Hass- und Schimpftiraden auf den Weg Richtung Zunge. Heraus kam aber nur ein „ääähhhhmmm!“

Und dann ging es los: Der Engel erinnerte mich eindringlich daran, dass der werte Herr Stallabrass mit der Aussage bezüglich der großen Fische ja nicht ganz unrecht hatte. Der Teufel hingegen spielte die Wetterkarte: „Ey Manecke, hast du mal aus dem Fenster geschaut? Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du holst dir noch eine fette Lungenentzündung, kannst keine Boilies mehr rollen und der blöde Simon hat dir den Mist eingebrockt, indem er dich dazu missbraucht, nicht alleine angeln gehen zu müssen!“ Auch der hatte ja irgendwie ein bisschen recht. Während ich mich einfach raushielt und für mich selbst in Gedanken versank, tobte die unerbittliche Schlacht auf meinen Schultern weiter.

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Es geht raus, die Session kann starten

Da mir das Jahr zwar überdurchschnittlich viele Fische beschert hatte, konnte ich eigentlich zufrieden sein. Nur die Größe versaute die Statistik noch ein wenig. Weil die anglerisch beschwerliche kalte Jahreszeit vor der Tür stand, entschied ich mich doch, am Wochenende nochmal rauszugehen. Allerdings nur, weil ich als Vollblutangler keine Angst vor schlechtem Wetter habe. Simon recht zu geben, wäre mir niemals eingefallen. Da hätte ich vorher noch hunderte andere Begründungen gefunden.

Ich knüpfte die ganze Nummer allerdings an Bedingungen. Wir fahren an mein Hausgewässer, weil ich mich dort gut auskenne und wir uns eine langwierige Spot-Suche größtenteils ersparen können, kein großer Aufwand und wir treffen uns Samstagmorgen früh, damit wir beim Aufbauen nicht in Hektik verfallen, weil es früh dunkel wird. Soweit alles okay, abgesehen vom Wetter. Gastkarte geholt, ein paar Kleinigkeiten eingekauft und aufgebaut. Langsam machte sich ein heroisches Gefühl breit. Es passte einfach alles – zumindest für dieses Gewässer. Wolkenverhangener, grauer Himmel, der eisige Ostwind peitschte den Regen waagerecht in die Wellen. Keiner von uns ist wirklich abergläubisch aber selbst Mondphase und Luftdruck passten optimal. Erschrocken erwischte ich mich, wie ich mich über diese absolut widerlichen Wetterbedingungen freute, wie eine diebische Elster.  

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Karpfenangeln bei kaltem Wasser? Dann keine Experimente!

Wo kommen die Ruten hin? Keinen Futterplatz angelegt und bei dem Seitenwind wären präzise Würfe auf Entfernung vermutlich auch ein heißes Eisen gewesen. Okay, dann loten und die Montagen so vielfältig wie möglich an allen interessanten Stellen in kleinerem Radius ablegen. Von knietiefem Wasser direkt am Ufer bis an die tiefsten Stellen im See. Überall wurden strategisch Fallen verteilt. Bloß nicht zu viel Futter. Wir vermuteten, dass das große Herbstfressen schon langsam dem Ende entgegen ging und beschränkten uns auf die Krümeltechnik. Ein kleiner PVA-Beutel und vier, fünf Boilies drumherum. Auch die Köderwahl fiel simpel aus. Entweder weiße 16 mm Pop-Ups oder einfach normale Sinker, die wir auch in den PVA-Tüten bröselten. Für mehr Alarm auf dem Futterplatz noch einen Schuss Liquid drauf und raus mit den Montagen. Wenn in der Kaltwasserangelei jeder Biss noch kostbarer wird, ist die Zeit der Experimente definitiv vorbei. Darum blieben die Rigs einfach und altbewährt. Für Pop-Ups ein Ronny-Rig und für die Sinker ein stinknormales No Knot-Vorfach.

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Es geht los, die Fallen sind scharf

Geil, dieser Moment, wenn alle Fallen scharf sind, das Zelt steht und man sich gemütlich in den Stuhl sinken lassen kann. Feierabend! Gemütlich hinter den Schirmen versteckt, bei einer Flasche Bier im letzten Licht ein wenig dummes Zeug quatschen und unsere nächsten gemeinsamen Projekte planen – Pustekuchen! Ohne Vorwarnung schepperte Simons Bobbin unter den Blank. Bremse und Bissanzeiger brüllten sich gegenseitig an. Simon beendete das mit einem beherzten Anhieb. Der Fisch nahm stetig Schnur und die Rute war sichelkrumm. Eine Diesellock unaufhaltsam auf dem Weg Richtung Seemitte, um dort einfach grundlos auszusteigen. Verdammt, was soll das denn jetzt. Egal, neues Spiel, neues Glück, Montage wieder raus und auf den nächsten warten.

So vertrödelten wir den Rest des Abends, sabbelnd vor dem Zelt und starrten in die Dunkelheit. Ein langer, produktiver Abend, der viele neue Ideen hervorbrachte und einige alte Geschichten neu aufleben ließ. Es war weit nach Mitternacht und wir waren fast auf dem Weg Richtung Schlafsack, da pfiff Simons Rute erneut ab. Ein bulliger, massiver Spiegler glitt nach einigen Minuten Tauziehen in den Kescher.

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Check – die ersten Karpfen sind auf der Habenseite

Perfekt, die erste Schlinge war voll. Wecker stellen und im Sonnenaufgang eben ein Bild machen. Während Simon noch seine Rute neu ablegte, verpetzte ich seinen Erfolg bei unseren engen Kumpels. Und Tatsache, von unserem Videografen Nico kam postwendend ein „Geil! Glückwunsch!“ zurück. Dann begann die Spinnerei. Getrieben von einer Mischung aus Größenwahn und Siegesrausch schrieben wir ihm, er solle schnell ins Bett gehen, wir fangen noch eben zwei dazu und er ist in ein paar Stunden zum Filmen am Start. Dann sagt der auch noch „Ja, machen wir so! Bis gleich!“. Das war also abgemacht, lachend gingen wir auseinander. Auf dem Weg zu meinem Zelt fiel mir so spontan ein, dass ich mich, dafür dass ich den ganzen Abend noch nicht eine Aktivität an meinen Ruten hatte, gewaltig weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Mit dem Gedanken, dass ich ja noch ein paar Minuten hätte, versank ich im Schlafsack und zog den Reißverschluss zu.

Und genau das ist der Moment, indem der Bissanzeiger einem alles entgegenbringt, was er musikalisch zu bieten hat. Verflogen waren sämtliche Gedanken und Zweifel. Die einzige Frage, die noch Platz zwischen Adrenalin und Dopamin fand, war die nach dem Grund, dass das nicht auch zwei Minuten früher hätte passieren können. Das aus der Liege stolpern ist in meinem Alter noch nicht so ganz das Problem. Viel nerviger war, dass ich in der Eile nur einen Stiefel erwischt hatte und sich mangels Sohle eine fette Brombeerranke in meine Zehen bohrte. Naja, einen Tod musst du sterben. Zumindest war der Fisch nach unspektakulärem, zeitlupenartigem Drill fix eingetütet.

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Es läuft: Die nächsten Karpfen sind gekeschert

Das Wetter hatte sich ab Mitternacht zwar ein wenig beruhigt, aber wärmer ist es sicherlich nicht geworden und erst recht nicht unter Wasser. Umso erstaunlicher, dass der Fisch meinen 20er Sinker in nur einem Meter Wassertiefe gefressen hatte. War mir aber ehrlich gesagt auch egal, gefangen ist gefangen und es hatte noch ein Gutes, die Montage war schnell und unkompliziert wieder im Wasser.

Gefühlt war ich gerade wenige Minuten in der Tiefschlafphase angekommen, da lief die Rute ab, mit der ich mitten im See einen kleinen Pop-Up an den Fuß einer Kante gelegt hatte. Nicht schnell, aber stetig. Diesmal konnte ich den Anhieb sogar aus beiden Stiefeln heraus setzen (ja, man muss sich auch über die kleinen Dinge freuen) und den Fisch sicher Landen. Ein fetter Spiegler. Bullig, wuchtig und richtig gut im Futter. Wenige Meter neben mir funkelte eine Kopflampe durch die kahlen Sträucher am Ufer entlang. Simon war auch am Drillen, während es langsam anfing, zu dämmern. Schlaftrunken und übermüdet versorgte ich den Fisch, platzierte die Rute und schaute mal, was mein Nachbar so machte. Freiwillig, da war ich mir sehr sicher, würde der um diese Uhrzeit niemals den Platz auf der warmen Liege aufgeben. Musste also spannend sein.

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Spannend war es tatsächlich. In dem Moment, als ich um die Ecke kam, nahm erneut ein massiver Bulle in seinem Kescher Platz. Ein fettes High five und eine Tasse Kaffee später stand Nico mit gepackter Kameraausrüstung neben uns und wir konnten noch schnell ein cooles Filmchen für unsere Sammlung produzieren. Als die wichtigsten Aufnahmen eingefangen waren, kamen wir ein wenig zur Ruhe und irgendwie kam die Frage auf, warum ich gerade so dringend an diesem Gewässer fischen wollte.

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Vertrauen in das Gewässer

Eigentlich ganz einfach. Zugegeben, das optimale Wintergewässer ist es nicht. Übersichtliche, kleine Parkteiche, die so mit Fisch überladen sind, dass sie fast oben rausfallen, eignen sich eigentlich viel besser. Höhere Besatzdichten erzeugen mehr Fressdruck und Futterneid, weshalb die Fische es sich auch bei für sie schwierigen Bedingungen gar nicht leisten können, eine ausgedehnte Winterpause einzulegen. Wenn Futter im Überfluss vorhanden ist, haben Karpfen schon im Herbst deutlich bessere Chancen, fetten Winterspeck anzusetzen und kommen mit viel kürzeren Fressphasen durch die kalte Zeit.

Viel größer war für mich, vielleicht auch nur unterbewusst, der Vertrauensfaktor. Dieses Gewässer kenne ich seit meiner frühsten Kindheit. So viele Nächte, die ich in den vergangenen Jahrzehnten dort verbracht habe und so viele Stunden, in denen ich diesen Teich lesen lernte, steckte ich nie wieder, auch nur zu einem Bruchteil, in irgendeine andere Wasserfläche. Von den Jungs, die in meinen ersten Tagen dort angelten, ist kaum noch einer übrig. So viele neue Gesichter sind gekommen und wieder gegangen, so viele verschiedene Charaktere konnte ich kennen und schätzen lernen. Es sind viele Freundschaften entstanden, andere wiederum zerbrochen. Auch der Vorstand des Vereins hat sich in dieser Zeit mehrfach in verschiedene Richtungen entwickelt, genauso wie aus der unberührten Natur um den See herum von einst jetzt nach und nach ein lautes und belebtes Industriegebiet wird. Das Spannendste ist allerdings rückwirkend auf den sich wandelnden Fischbestand zu schauen. Vom Low Stock über eine völlig überbesetzte Schuppi-Hölle hin zu einem normalen ortstypischen Bestand mit einigen weiteren Höhen und Tiefen hatten wir dort bereits alles erlebt. Mit so einem Erfahrungsschatz im Gepäck ist es deutlich leichter, Entscheidungen zu treffen. Ob die dann richtig oder falsch sind, ist weniger dramatisch. In den eigenen vier Wänden auf die Nase zu fallen, tut ja auch immer weniger weh, als in der Fremde. Darum bin ich bei miesen äußeren Einflüssen am liebsten da, wo es mir gefällt – zu Hause.

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