Es ist drei Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Voller Vorfreude war es sowieso schon eine kurze Nacht. Also, ab unter die Dusche und dann geht’s auch schon los mit dem bis unters Dach beladenem Auto den Kollegen, Hendrik, abholen. Knapp über 600 Kilometer lagen vor uns. Fast am Ziel angekommen ging es erstmal in den Supermarkt. Dort landete schnell alles im Korb, was man so für fünf Tage in der Wildnis so alles braucht. Danach noch schnell in den örtlichen Angelladen um die Karten für den See zu kaufen. Zum See waren es jetzt noch etwa 15 Kilometer und wir waren heiß aufs Fischen!Auch die blinkende Benzinleuchte, die aufleuchtete nachdem wir gerade vom Parkplatz des Angelladens gefahren sind, konnte uns nicht mehr aufhalten. Wir checkten kurz die Reichweite. 30 Kilometer. Sollte reichen dachten wir uns. Als wir am See ankamen bat sich uns ein malerisches Bild. Das Ufer umsäumt von kilometerweiten Schilfgürteln strahlte unter der Sonne in einem wunderbaren Grün und im klaren Wasser sah man Unmengen von Weißfischen. Wir gingen erst ein kleines Stück am See entlang um zu schauen ob eventuell noch andere Angler am See waren.

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Doch als wir schon die leeren Parkplätze sahen, hatten wir schon ein gutes Gefühl. Wir luden das Auto schnell aus und nahmen die Falten vom Dach in denen alle Sachen schnell verschwanden. Schnell noch das Auto an einen sicheren Platz gebracht, dann ging es auch schon auf die riesige Wasserfläche. Wir hatten uns vorgenommen am Schilf entlang zu paddeln um vielleicht schon Fische zu lokalisieren. Überall im Schilf hörten wir es schon rascheln und platschen. Wir fuhren in Buchten die so aussahen, als hätte dort noch niemand gefischt. Langsam nährten wir uns dem Platz, an den wir am liebsten wollten. Wir fuhren um eine Landspitze und hofften, dass der Platz nicht besetzt sei. Freude kam auf als wir sahen, dass der Platz frei ist. Nun, nach fünf Kilometer rudern waren wir nun da. Mitten im Wald und völlig abgeschnitten von jeglichem Straßenlärm und der Zivilisation. Es sah aus als hätte die letzte Zeit niemand dort gefischt. Wir luden die Falten aus, bauten die Brollys auf und machten die Stöcker scharf. Wir fuhren die Ruten auf bis zu 550 Metern weit raus. Alle Ruten verteilten wir am Schilf und zwei an Seerosen in einer Bucht. Als Futter verwendete ich 20mm Beast und Liver Boilies, welche ich mit Liver Compound Liquid soakte. Zusätzlich kamen noch Tigernüsse hinzu. Pro Rute fütterten wir etwa 1 Kilo Tigers und ein halbes Kilo Boilies, die großflächig am Schilfgürtel verteilt wurden. Als wir mit allen Ruten fertig waren, taten uns die Arme vom Rudern weh. Den Abend wollten wir jetzt in Ruhe genießen und machten uns Abendessen. Doch wie es immer so ist lief schon jetzt eine Rute ab. Nach 400 Meter rudern kamen wir am Schilf an und sahen wie die Schnur gradlinig in dieses führte. Wir kämpften uns durch die dichten Schilfhalme bis wir plötzlich das Blei und Vorfach in den Händen hielten. Ohne Fisch.

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Wir legten die Rute gleich neu. Etwas frustriert paddelten wir wieder zum Ufer. Die Chickenwings auf die wir uns so freuten gelangten uns auch überhaupt nicht. Als dann noch hunderte von Mücken um uns kreisten und wir schon nach zehn Minuten übersähet von Stichen waren, war die Laune schon im Tiefpunkt. Als mitten in der Nacht aber der Bissanzeiger losging, war von der schlechten Laune kaum noch was zu spüren. Noch im Halbschlaf ruderten wir in Richtung Fisch. Kurz vor dem Spot jedoch war der Kontakt weg und wir kurbelten nurnoch das Rig ein. Das konnte doch nicht wahr sein!

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Am Morgen schrack ich plötzlich hoch. Ich öffnete meinen Schlafsack und sprang sofort aus dem Zelt. Hunderte von Ameisen belagerten meinen Schlafsack, die Liege und das Tackle. Schlimmer konnte es so langsam nicht mehr kommen. Ich stieg in meine Wathose und stiefelte völlig übermüdet durchs Schilf zu den Ruten. Was mir dann aber für ein Anblick geboten wurde entschädigte für so einiges. Klarer Himmel, wärmende Sonnenstrahlen und spiegelglattes Wasser. Überall in unserer riesigen Bucht waren Weißfische an der Oberfläche zu sehen.
Hendrik war nun auch schon wach und wir genossen einen heißen Kaffee bzw. Kakao und Sandwich zum Frühstück. Gut gestärkt konnten wir auch gleich aufs Boot, denn kurz nach dem Frühstück lief schon wieder eine Rute ab. Dieses Mal die Entfernteste auf 550 Metern mitten zwischen Seerosen. Wir pflückten die Schnur zwischen den Seerosen hinaus und wieder sahen wir die Schnur geradewegs ins Schilf gehen. Also, ab ins Schilf und der Schnur folgen. Irgendwann war das Schilf so dicht, dass wir mit der Falte nicht mehr weiter kamen. Ohne zu testen wie tief das Wasser ist, machte Hendrik einen Satz über Bord und zog sich schnell wieder hoch als er merkte, dass das Wasser in die Wathose läuft. Wir versuchten mit aller Kraft weiter an den Fisch heran zu kommen. Plötzlich ein Schwall neben dem Boot. Der Kescher ging ins Wasser und netzte den Fisch direkt ein.
Als wir ihn über die Bootswand hievten, wurde uns erst bewusst was für ein Brett wir gerade auf dem Boot liegen haben. Ein großer Schuppi füllte die komplette Matte im Boot! YES!!! Der erste Fisch und dann gleich so eine Mutti! So kann es weitergehen.

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Wir legten die Rute direkt wieder auf den Spot und schon kurze Zeit später war es schon wieder diese, die ablief. Wir konnten mit gemeinsamer Kraft einen wunderschön beschuppten Two-Tone auf’s Boot heben! Doch was sich beim Drill abspielte muss man mit eigenen Augen gesehen haben. Direkt neben unserem Boot zogen laichende Fische vorbei; ganz unbeeindruckt gingen sie ihren Trieben nach. Die Bucht stand voll mit Karpfen und nach den zwei gelandeten Fischen bisher fingen wir nur noch Milchner! Jetzt legte auch Hendrik so richtig los und wir kamen zwischenzeitlich überhaupt nicht mehr klar. Gerade am Drillen, hörten wir schon die nächste Rute ablaufen… Bei jedem Lauf 500 Meter zum Fisch rudern und ihn dann noch aus dem Schilf befreien. Das Fischen wurde zum echten Knochenjob! Doch wir sagten uns, wenn wir schon einmal in der richtigen Zeit hier sind und es läuft, dann ziehen wir das auch durch, egal was kommt!

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Die nächsten beiden Tage waren regnerisch und schnell wurde der Boden unter unseren Füßen zu zähem, tiefen Schlamm. Die Eimer, Klamotten und Zelte wechselten schnell ihre Farbe in einen dunklen Braunton. Durch die vielen Läufe kamen wir nachts kaum zum Schlafen und kamen voll aus unserem Rhythmus heraus. So schliefen wir dann, wenn gerade einmal Pause zwischendurch war. Uns kam es so vor, als wären wir in den fünf Tagen mehr auf dem Wasser, als an Land gewesen. Leider verloren wir weiterhin eine Vielzahl an Fischen im Schilf. Trotz alldem waren wir überglücklich, so viele Fische in der kurzen Zeit gefangen zu haben. Am Tag der Abfahrt besserte sich das Wetter und wir konnten alles halbwegs trocken ins Auto laden. Wir fuhren zum Bäcker und besorgen uns erstmal ordentliche Croissants und fuhren zu einem anderen See. Dort frühstückten wir noch eine kurze Zeit und dann ging es auch schon in Richtung Heimat, mit einem guten Gefühl, alles gegeben zu haben. War eben ein Trip, wo Messdiener fehl am Platz gewesen wären.’

Viele Grüße
Leonard Schmidt