Im vergangenen Jahr entschloss ich mich dazu, einem neuen Verein beizutreten. Ein neuer Verein bedeutet neue Gewässer und diese beherbergen wiederum neue, im besten Fall unbekannte Fische. Wobei das in meinem Fall nicht ganz richtig ist. Um genau zu sein, hatte ich einen mir bereits bekannten Fisch im Visier. Diesen besonderen Seebewohner durfte ich bereits im vorherigen Jahr bei einem guten Freund fotografieren und in seiner vollen Pracht bewundern. Ein Bulle von Spiegler mit einzelnen, großen Schuppen verziert, breitem Paddel und einem verhältnismäßig kleinen Kopf. Vom ersten Augenblick an, zog mich der Fisch sofort in seinen Bann und ich wusste ganz genau, dass ich ihn eines Tages selbst heben wollte.

Startschuss im April

So stand ich direkt zum Saisonstart Anfang April an den Ufern des Sees, der meinen Zielfisch beherbergte. Einer Schottergrube mit mäßigem Fischbestand, ca. 10 ha Größe und dichtem Krautbewuchs in den Sommermonaten. Das Wasser war noch kalt und die Bäume und Büsche Kahl. Jeder, der schon mal auf der Jagd nach einem besonderen Fisch war, kennt diesen inneren Lockruf, der dich an das Gewässer treibt. Ich befasste mich mit der Location einzelner Spots und hielt dabei stets nach springenden Fischen Ausschau.

Findet Nemo - die Jagd nach einem Zielfisch von Marcus Walter -

Die Sonne war in diesem Frühjahr scheu und so konnte ich auf meinen Erkundungstouren nur selten Karpfen ausfindig machen. Meine erste Nacht an diesem See verbrachte ich in einer kleinen windgeschützten Bucht, wo ich die Tage zuvor tatsächlich doch  einige Fische ausmachen konnte. Ich schlief mit großen Erwartungen ein und wurde durch ein kurzes Aufheulen meines Bissanzeigers geweckt. Der erste Lauf? Oder doch nur ein Schnurschwimmer? Ich nahm die Rute auf und bemerkte einen konstanten, aber eher schwachen Widerstand. Kurze Zeit später landete ich meine erste Schleie. Zwar nicht der ersehnte erste Karpfen, aber zumindest Aktivität in Neptuns Reich. Die folgenden Stunden verliefen ruhig und meine Bissanzeiger schwiegen.

Findet Nemo - die Jagd nach einem Zielfisch von Marcus Walter -

Ich konzentrierte mich in der nächsten Zeit verstärkt auf die zuvor lokalisierten Spots, welche ich mit dem Boot und Aquascope ausfindig gemacht hatte. Im Fokus standen ein im Freiwasser gelegenes Plateau, sowie ein überhängender Busch, der auf dem ersten Blick sehr unscheinbar wirkte. Der April verflog ohne weitere nennenswerte Aktionen und der Mai stand mit vielversprechenden, sonnigen Tagen vor der Tür.

Alles neu macht der Mai

So setze ich meine Kampagne Anfang Mai fort und befischte meine favorisierten Spots mit je einer Rute und verhaltenem Futtereinsatz. Die dritte Rute legte ich sporadisch in vermeintliche Fraßlöcher oder in Bereiche, in denen sich Fische zeigten. Am 9. Mai, während der morgendlichen Dämmerung, weckte mich der langersehnte Dauerton meines Bissanzeigers, „Der glüht durch das wird wohl keine Schleie sein!“ schoss es mir durch den Kopf. Kurze Zeit später befand ich mich mit meiner ordentlich gekrümmten Rute im Boot wieder. Mein Gegner kämpfte erbittert und zog mich quer über den See, zum Glück war das Kraut noch sehr bodennah, so ich konnte meinen ersten Fisch aus diesem Gewässer in Ruhe ausdrillen und wenig später in die Maschen meines Keschers gleiten lassen.  Am Ufer angekommen war ich gespannt, was mir die Plateaurute ans Band gebracht hatte. Ein langer Spiegler mit großem Paddel und kleinem Kopf…das wird doch wohl nicht…nein, er war es dann leider doch nicht, denn die Waage blieb bei 19kg stehen. Mein Zielfisch spielte in einer deutlich höheren Gewichtsklasse. Die Freude und das Adrenalin vom Drill waren jedoch riesig, der Anfang war gemacht und die Motivation noch einmal gestiegen.

Findet Nemo - die Jagd nach einem Zielfisch von Marcus Walter -

Nach diesem Auftakt kehrte erst einmal Ruhe auf dem Plateau ein und ich fing dort in der nächsten Zeit keinen Fisch mehr. Allerdings konnte ich beobachten, dass mein Futter weiterhin gefressen wurde, das stimmte mich zuversichtlich. In dieser Zeit fing mein zweiter Spot langsam, aber sicher an, produktiv zu werden. Die Rute am Busch brachte mir zunehmens Aktionen. So auch Mitte Mai, als der erste Paukenschlag ertönte und ich meinen ersten 40er der Kampagne und zeitgleich den größten Schuppi des Sees verhaften konnte. Ein langer, eher schlank gehaltener Schuppenkarpfen, makellos und kampfstark bis in die letzte Gräte, konnte einem 25er Proline NG Squid Boilie vor dem Busch nicht widerstehen. Ich war auf dem richtigen Weg und rückte meinem Zielfisch immer näher.

Findet Nemo - die Jagd nach einem Zielfisch von Marcus Walter -

Die nächsten Wochen plante ich akribisch und die Wetterphase über das lange Wochenende über Himmelfahrt spielte mir voll in die Karten. Das Wetter war vielversprechend, der warme Westwind gepaart mit einzelnen Schauern sollte unsere beschuppten Freunde so richtig in Fresslaune bringen. Genau so kam es auch, alle Ruten brachten in der ersten Nacht Fisch, wobei die Buschrute dominierte und mir einen weiteren 20 kg+ bescherte. Es lief richtig gut, bis ich am späten Nachmittag zwei Jungangler als Nachbarn bekam, was das weitere Befischen des Busches unmöglich machte. Als fairer Sportsmann holte ich meine Rute am Busch ein und legte diese etwas abseits am Rande des Plateaus ab. Ich entschloss mich dazu, meine geplante Session aufgrund der Angelsituation um eine Nacht zu verkürzen und den Plätzen somit etwas mehr Ruhe zu geben.

Ein neuer Tag, ein neues Glück

Doch einige Tage später startete ich mit viel Zuversicht in die nächste Session. Die Wetterbedingungen waren weiterhin äußerst vielversprechend und der Westwind hatte sogar noch etwas zugelegt. Die Nacht verstrich überraschenderweise aktionslos und ich setze mir gerade Kaffeewasser auf, als meine Funkbox ein paar einzelne Pieper von sich gab. Wenige Sekunden später gingen die einzelnen Pieper in einen Dauerton über und ich tauschte die Kaffeetasse in Windeseile gegen meine Rute. Ich fuhr meinem Kontrahenten entgegen, da er sich in dem mittlerweile in die Höhe geschossenem Kraut festgeschwommen hatte. Über dem Fisch angekommen bewegte sich zu Beginn nichts mehr, doch mit etwas Geduld und kontinuierlichem Druck gelang es mir, ihn zu lösen und ich begann den Fisch im Freiwasser zu drillen. Sofort bemerkte ich, dass am anderen Ende der Schnur ordentlich Gewicht zerrte. Nach anfänglichen Zweifeln, ob ich nicht doch das halbe Krautfeld mitdrillen würde, bewegte sich mein Gegner langsam in Richtung Seemitte. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich den Fisch das erste Mal in Sichtweite und ich sah, wie ein großer, heller Spiegler die Wasseroberfläche durchbrach. Nach einer kurzen, aber heftigen letzten Flucht gelang es mir, den Fisch sicher zu landen. Ich wusste sofort, dass ich die Nummer 2 des A-Teams in meinem Kescher hatte. Die „graue Maus“, ein Fisch der selten gefangen wurde und Aufgrund seiner hellen, gräulichen Färbung heraussticht. Da die Cypriniden ihr Laichgeschäft noch nicht beendet hatten, knackte sie tatsächlich die magische Schallmauer und die Waage blieb bei 26 kg stehen.

Findet Nemo - die Jagd nach einem Zielfisch von Marcus Walter -

In den nachfolgenden Juniwochen fing ich konstant meine Fische, was bei einem solch dünnen Bestand nicht immer die Regel darstellt. Diese Tatsache bewegte mich dazu, trotz der weiten Entfernung am Ball zu bleiben. Jedoch fehlte von meinem eigentlichen Zielfisch jede Spur. Angelte ich an ihm vorbei oder war er unter den zwei Aussteigern, welche ich in den vergangenen Wochen verbuchen musste? Meine Gedanken kreisten immer wieder nur um diesen einen Fisch. Er wurde von niemandem gefangen und war auch bei meinen Location-Runden nirgends zu entdecken. Die Motivation sank langsam und erreichte den Tiefpunkt, als ich eines Nachts einen großen Schuppenkarpfen über meinen Kescher führte. Schnell war mir klar, ein Wiederfang. Es war der große Schuppi, welchen ich bereits im Anfang Mai auf meiner Matte begrüßen durfte. Nach dieser Session beschloss ich, eine Pause an diesem Gewässer einzulegen und überdachte meine Angelei. Ich spielte mit dem Gedanken, meine Mission in den Herbst zu verlagern, jedoch war meiner Meinung nach, die Chance auf erneute Wiederfänge im Herbst deutlich höher. So entschloss ich mich, nach einem abwechslungsreichen Overnighter am Kanal, mein Ziel weiter zu verfolgen.

Der Juli bringt das reichste Korn

Es war bereits Mitte Juli, als ich wieder an den Ufern des Sees stand. Mittlerweile hatten sommerliche Temperaturen Einzug gehalten und die Fische hatten ihr Laichgeschäft beendet. Ich kam am späten Nachmittag an und legte meine beiden Ruten in alter Gewohnheit, beködert mit 25 mm Proline NG Squid Bodenködern, auf meine Spots. Auf die dritte Rute verzichtete ich schon eine ganze Weile, da diese nicht produktiv war und mehr Arbeit als Ertrag bedeutete.

Die Fallen waren scharf und ich genoss die langsam am Horizont versinkende Sonne, als mich mein Bissanzeiger der Buschrute aus den Gedanken riss und in den Alarmmodus versetzte. Der Swinger klebte unter dem Rutenblank, ich nahm die Rute auf und ich fuhr in Richtung Fisch. Dieser saß natürlich satt im Kraut fest. Vorsichtig erhöhte ich den Druck, es gab einen kurzen Ruck und ich sah, wie ein dunkler Spiegler an die Oberfläche kam. Einen kurzen Moment konnte ich seine Flanke erblicken, jedoch genauso schnell verschwand diese auch wieder in den Tiefen. Nach einer weiteren, heftigen Flucht konnte ich den Fisch wieder Richtung Wasseroberfläche bewegen. Der erste Kescherversuch misslang, diesmal konnte ich aber eine riesige Schwanzflosse erkennen und auch eine kleine markante Schuppenreihe, was zur Folge hatte, dass mir mein Herz kurzzeitig in die Hose rutschte. Endlich hatte ich meinen langersehnten Zielfisch am Band. Der Spiegler drehte noch einmal ab und beim zweiten Versuch konnte ich ihn dann sicher in die Maschen führen. Ich blickte in den Kescher und war den Tränen nahe. So lange habe ich ihn gejagt und so lange hat er auf sich warten lassen. Ich nannte den Fisch ab diesem Moment „Nemo“, die Suche war beendet. Im goldenen Schein der untergehenden Abendsonne schoss ich noch ein paar Erinnerungsfotos, bevor ich „Nemo“ wieder in sein Element entließ.

Findet Nemo - die Jagd nach einem Zielfisch von Marcus Walter -
Findet Nemo - die Jagd nach einem Zielfisch von Marcus Walter -

Over the Moon und absolut überwältigt von den Geschehnissen ließ ich den Abend ausklingen und erfreute mich wieder und wieder am Anblick der Bilder dieses Ausnahmefisches. Unsere Leidenschaft hält so viele Abenteuer bereit, oft müssen wir einen langen, steinigen Weg beschreiten, doch wenn wir unser Ziel erreicht haben, sind alle Strapazen vergessen. Das ist Angeln und das macht es für mich zu mehr als nur zu einem Hobby!

Mehr Lesestoff gefällig?

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