Auf zu neuen Ufern

Teil 1 – ein Artikel von Christoph Mühl

17 Minuten Lesezeit

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Ein fetter Herbstspiegler kurz vor dem Kescher

Blätter können schon lästig sein

Meine bisherige Angelei erstreckte sich überwiegend nur auf reine Baggerseen bis 24 Meter Tiefe. Die Art der Angelei ist sehr spannend, die Fische sind einzigartig und oft sehr jungfräulich. Ich liebe diese Art der Fischerei und möchte sie auch nicht missen. Der Nachteil an solchen Gewässern ist schlicht und ergreifend, dass es öffentliche Seen sind, an denen sich im Sommer nun mal Badegäste aufhalten - kurzum, man ist nie alleine. Umso wichtiger ist das Auftreten und das Handeln des Anglers in der „Öffentlichkeit“, denn man weiß nie, wer mit einem spricht oder beobachtet! Nein, ich bin nicht paranoid und leide auch nicht an Verfolgungswahn. Jedoch habe ich diesbezüglich einige Geschichten zu erzählen – vielleicht irgendwann einmal! Doch zurück zum Thema. An diesen Seen war anfangs Bootfahren, später Futterboot fahren, Montage rausschnorcheln und kleine Distanzen bis ca. 50 Meter werfen an der Tagesordnung. Die Herausforderungen waren, Hook and Hold Fischen vor Totholz, extremes Krautfischen, Montagen umlenken und ganz nebenbei die Badegäste in „Schach“ zu halten. Ich sage es euch, es ist sehr anstrengend, jedoch auch sehr schön. In solchen Gewässern sind Massenfänge eher selten. Die Szene findet an solchen Seen nur begrenzt statt. Daher hat man vor Anglern eher Ruhe, als vor dem Fuß- und Partyvolk. Doch unterm Strich kann ich sagen, es war eine geile Zeit! Nun musste aber eine Veränderung her, ein Kontrast zu dieser Angelei. Wie manche sagen würden: „Auf zu neuen Ufern“! Gesagt getan. Durch einen Kumpel und dessen Geschichten von schlaflosen Nächten, Massenfängen und vielen dicken Fischen wurde ich auf ein Szenegewässer aufmerksam!

Der erste Karpfen ließ nicht lange auf sich warten

Mein erster Fisch des neuen Sees: ein Döbel

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An jenen Gewässern, an denen Bivvy an Bivvy steht und die Fische mit allen Wassern gewaschen sind, wollte ich nie fischen. Das ist nicht meine Art von Gewässer! Mein Argument war, dass man an solchen Gewässern ein beschnittener Angler ist. Denn wenn es nicht läuft, kann man selten etwas ändern. Man kann nicht mal eben Location betreiben oder die Ruten woanders ablegen, denn man kann ja schließlich nur geradeaus fischen. Das einzige was möglich ist, ist in der Distanz zu variieren, oder, wenn woanders ein Platz frei wird: moven. Desweiteren fischt jeder mehr oder weniger auf den Zugrouten der Fische in unterschiedlichen Entfernungen, sodass ggf. wenn man mittig sitzen sollte, die Chance auf einen Run gegen Null läuft. Boote, Futterboote und Schnorcheln verboten, lediglich Spomb und Werfen ist angesagt. Für mich eine große Umstellung, weil ich mit spomben bisher gar nichts zu tun hatte. Eine Futterbegrenzung erschwert die Angelei noch zusätzlich, erlaubt sind 1 kg pro Session. Dazu kommen noch „verangelte“ Fische mit verletzten Mäulern und Flossen, die an der Tagesordnung sind. Also relativ schwierige Bedingungen, die das Fischen erschweren. Wer solche Bilder kennt, weiß wovon ich spreche - definitiv kein schöner Anblick! Aber trotz des enormen Angeldrucks sind die Fische fangbar und das macht es wiederum sehr interessant und stellt für mich eine Herausforderung dar. Es ist genau der Kontrast, den ich wollte. Im Winter 2016 traf ich mich mit einem sehr guten Kumpel. Wir spazierten einmal um das Gewässer. An diesem Tag sah ich den See das erste Mal. Ein imposanter, schöner See. Wir fachsimpelten bei dem Spaziergang über die Fische, die Regeln, Zufahrten und über die eine oder andere Geschichte, die sich um den See rankte. Einen relativ guten Überblick des Großfischbestandes hatte ich auch vorher schon. Insofern wartete ich nur noch darauf, dass das Eis schmilzt und das Frühjahr beginnt. Dino, der Graue, ein Schöner und ein massiver Schuppi sind die Zielfische aus diesem Gewässer, die schon gesetzt waren! Allesamt steinalt, bei einem kann ich das Alter sogar nachweisen. Der Dino ist nachweislich über 20 Jahre alt. Geil, ich war heiß wie Frittenfett!

 

 


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Die Totholzbucht mit ihren Auslegern

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Ins Blaue hinein

 

 

Mitte März 2017 sollte mein Trolley das erste Mal am Ufer des Sees zum ersten Ansitz Richtung Flachwasserbucht rollen. Der Plan war einen oder mehrere Fische zu fangen. Jedoch wollte ich dabei das Feld von hinten aufrollen, also primär die Stellen erkunden und das Gewässer „verstehen“. Desweiteren wollte ich den richtigen Umgang mit der Spomb erlernen und perfektionieren. Da ich noch nie spomben musste, war es komplettes Neuland für mich. Jedoch fand ich diese Angelei sehr interessant. Nach den ersten Würfen dachte ich: „Was ein Scheiß! Was hast‘e dir da angetan!“ Der Mensch ist jedoch ein Gewohnheitstier und ich war mir sicher, dass ich mich sehr gut darauf einstellen würde. Nach einigen Würfen flog die Spomb auch schon sicher in den Clip. Ich konzentrierte mich auf die Angeltechnik und den See. Die Session sollte mir ganz klar meine Defizite in Sachen Technik/Tackle aufzeigen. Dadurch bekam ich das richtige Feeling für das Gewässer. Der Fischfang kommt nach dem Verständnis von ganz allein. Im Vorfeld hatte ich mir Gedanken über das Futter gemacht, wegen der Futterbegrenzung. Da ich ungerne als „Neuling“ auffallen wollte, halte ich mich an die Vorgabe von einem Kilo. Also packte ich aktives Futter ein. Etwas SB-Groundbait, mit VNX Liquid gesoakte Aktivator Pellets, eine Handvoll Partikel und 12mm VNX Boilies.

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Dies sollte für den Anfang genügen, denn das Wasser war auch noch relativ kalt. Ich entschied mich für die Miniboilies, da die meisten Angler normale Größen fischten. Daher sah ich mich im klaren Vorteil gegenüber denen, die mit 18-20mm Kugeln fischten. Bei Ankunft auf dem Parkplatz standen dort schon drei mit Angelaufkleber beklebte Autos. Ich hoffte, dass meine favorisierte Angelstelle frei geblieben ist. Für den Anfang entschied ich mich für den Flachwasserbereich vor dem Schon- und Laichgebiet. Ich hatte Glück, die Stelle war noch frei. Der See wird dort durch ein kleines Rinnsal gespeist. Flachwasser, Schongebiet und ein Einlauf, also gute Bedingungen für das zeitige Frühjahr. Nach und nach waren auch die Angelplätze neben mir schnell belegt. Man merkte, die Angler haben Bock auf Angeln und der Angeldruck stieg stetig. Abends war der halbe See voll mit Bivvys. Die Montagen bestückte ich mit kleinen 14 mm VNX Pop-Ups, gefischt auf wenig aktivem Futter. Bereits nach einigen Stunden meldete sich der erste Bissanzeiger. Mein erster Fisch des Sees war ein stattlicher Döbel von ca. 55 cm. Am darauf folgenden Morgen biss der erste Karpfen, ein kleiner aber feiner ca. 5 kg Schuppenkarpfen. Meine Freude war groß - erste Nacht, erster Fisch. Ein perfekter Einstand, nur an der Fischgröße musste ich noch arbeiten!  Einen weiteren Fisch hatte ich leider verloren. Die Session war ein voller Erfolg, ich kannte nun diese Stelle und einen Fisch hatte ich auch gefangen. Ich wusste nun, wo ich strategisch und technisch stand und konnte mein Set-Up optimieren, um mehr Wurfweite zu erreichen.

 

 

Das Set-Up

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Für den Anfang entschied ich mich für den Flachwasserbereich mit Schongebiet

Mein Set-Up bestand aus einer parabolen 2 ¾ Ibs Rute mit 25er Geflecht und 40er Snackleader, nicht wirklich geeignet für mittlere bis Long Range Distanzen. Ich schaffte gerade mal so die 80 Meter und bei jedem Wurf hatte ich Angst, dass der Schlagschnurknoten an einem der Ringe hängen bleibt. Das galt es definitiv schnell zu beheben. Ich informierte mich im Internet, inspizierte Videos von Mark Hutchinson und Terry Edmonds. Ich  aktivierte meine alten „Weitwurfruten“, ersetzte das Geflecht gegen 0,30er Monofile Korda Touchdown und eine 0,32 geflochtene Schlagschnur. Der Leadclip wurde durch einen Heli-Leader ersetzt und das Vorfachbraid durch Fluocarbon. An meinem Hausgewässer teste ich dann das neue Set-Up. Wurfweiten von über 110 Meter waren auf einmal Standard. Durch den Baustein „Wurfweite“ waren Angelstellen für mich plötzlich lukrativ, welche ich vorher aufgrund fehlender Distanz garnicht befischen konnte. In der darauffolgenden Woche konnte ich drei weitere Fische fangen und „eroberte“ eine weitere Stelle für mich. Jedoch waren die Top-Stellen immer besetzt, obwohl die relativ weit vom Laichgebiet entfernt liegen. Das machte mich neugierig und ließ den Wunsch in mir aufkeimen, dort selbst mal zu fischen, wenn sich die Möglichkeit bot. Obwohl ich nicht viel davon halte auf den abgelutschten Stellen zu fischen! Ich hatte Glück, die Möglichkeit kam schon am nächsten Wochenende. Ich setzte mich sofort auf die Top-Stelle und fing das ganze Wochenende nur einen Fisch von ca. 8 kg. Neben mir jedoch wurde eine krasse Serie mit Fischen bis 22 Kilo hingelegt. Warum lief dort mehr als bei mir, obwohl er mir nachgeordnet war und die Fische offensichtlich aus meiner Richtung kamen? Ganz einfach, er warf einfach eine brutale Distanz, die nur sehr wenige werfen. Dadurch hakte er die Fische in ihrer „sicher“ geglaubten Distanz! Später erfuhr ich, dass auf meiner Stelle eine Woche lang Holländer gesessen hatten, ergo fischte ich auf altem Futter - eine weitere wichtige Erfahrung! Das nun gut gefangen wurde, sprach sich schnell herum. Von da an gab es einen regelrechten Run auf diese Stellen entlang der linken Bucht, sodass es mir nicht mehr möglich war, dieses Ufer zu befischen, denn die Lokals gaben sich dort die Klinke in die Hand! Es war der absolute Wahnsinn. Wochenlang waren die Stellen besetzt und unter enormen Angeldruck!

Auch kleine Beauties beherbergt der See.

Ein toller Schuppi welcher sich an meinem Haken verfing.

Und der zweite Riese vom Spot!

 

 

Singel-Hook vs. Futterplatz

Durch meine lange Erfahrung wusste ich, dass sich die Fische im Frühjahr oft im Laichgebiet aufhalten und dort hinziehen. So kristallisierte sich heraus, dass ein Großteil der Fische sich um die Halbinsel in den zwei Buchten rechts und links der Halbinsel aufhält. Daher musste ich zwingend so nah wie möglich an die Halbinsel oder in eine dieser Buchten fischen. Die eine Bucht war ständig unter „Dauerfeuer“, also musste ich mir etwas überlegen. Die letzte Angelstelle auf der anderen rechten Buchtseite war nie wirklich besetzt. Zum einen weil das Gelände extrem unzugänglich ist und zum anderen weil es ein richtig weiter Weg vom Parkplatz bis dorthin ist.  Die perfekte Stelle für mich. Ich mag solche wenig betretenen Pfade. Das Wichtigste: Die Fische hatten hier keinen Angeldruck! Zudem ist die Bucht im hinteren Teil voll mit Totholz, was eine Holding Area und Schutz für die Fische darstellt. Desweiteren ist es die Wetterseite, das heißt der Wind wird bei Sturm überwiegend auf dieser Seite stehen -  Jackpot! Ich entschied mich zu Beginn mit einer Rute relativ weit entfernt vor der Halbinsel zu fischen, denn ich muss mich nicht unbedingt der Gefahr aussetzen, dass Fische sich ggf. festsetzen. Daher langsam an die passende bzw. fängige Entfernung anpassen. Zu meinem Erstaunen waren relativ große Bereiche in einer Entfernung von 28 Rutenlängen (100 Meter) kiesig, also kein Schlamm im Vergleich zum restlichen See. Der Übergang von Kies zu Schlamm kam nach ca. 1 Meter, also fischte ich quasi an der „Schlammkante“! Zudem war dort noch eine Vertiefung, in der sich viel natürliche Nahrung sammeln sollte.

Solche Stellen sind für andere Angler nichts, hier bin ich allein!

Der Schöne aus dem T-Team des Sees. Ein richtig geiler Spiegler

Die Fische schwammen diese Vertiefung also automatisch an. Die andere Rute will ich instand mit einem Singel Hook fischen, denn in der Vergangenheit hörte ich, dass dies hier gut funktionieren sollte. Gesagt getan. Als ich am Gewässer angekommen war, zeigten sich in und vor der Bucht schon viele Fische. Ich montierte schnell die Singel Hook Rute mit einem kleinen VNX Pop-Up und legte sie in ca. 120 Meter Entfernung in das Areal, wo sich die Fische zeigten, das klassische Anwerfen mit einzelnen Pop-Up´s. Keine 10 Minuten später stand ich schon mit krummer Rute am Ufer. Das wiederholte sich 4-mal bis abends! Doch warum funktioniert hier Singel-Hook so gut, was meint ihr? Meine Theorie ist, dass während die Fische durch den See schwimmen, sie mal hier und mal dort etwas Nahrung in Form von Krebsen, Muscheln oder Schnecken finden. Dadurch werden sie darauf konditioniert einzelne Nahrungsgegenstände ohne Gefahr aufzunehmen. Sie suchen ggf. auch richtig nach solchen Snacks. Dadurch werden sie nur selten gehakt. Das wiederum schafft Vertrauen in einzelne Köder! Da sonst immer der Hakenköder mit Beifutter („Futterplatz“) angeboten wird, schöpfen sie dabei keinen Verdacht, weil es eben nur ein Köder ist. Daher fallen Singel Hooks aus dem Schema „Köder mit Gefahr“.  Dadurch ist es nie falsch, wenn man zum passenden Zeitpunkt mit Singel Hook fischt. Die Nacht brachte einige Fische bis ca. 14 kg. Doch am nächsten Morgen konnte ich gleich zwei Riesen landen, den einen auf Singel Hook und den anderen auf dem Spot.

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Die Stelle stellte sich als wahrer Glücksgriff heraus. Während sich die Angler auf der anderen Seite die Klinke in die Hand gaben, fischte ich sehr entspannt und fing zudem mit dem wenigen guten Futter sehr gut! Insgesamt konnte ich an dem Wochenende von 18 Läufen 15 Fische landen, was eine Session. Das richtige Feeling für das Gewässer und dem Spomben hatte sich nun auch eingestellt. Nun gilt es, die Fänge zu verbessern und vor allem kontinuierlich solche Erfolge zu feiern! Die nächsten Wochenenden konnte ich weiterhin ungestört auf der Stelle fischen, dabei konnte ich viele und gute Fische fangen. Darunter waren Doppelläufe, richtige Charakterfische und Fische, die offensichtlich wenig bis garnicht am Haken hingen, da sie sehr unversehrte Mäuler und Flossen hatten. Auffällig war, dass die meisten von denen oft auf Singel Hook oder außerhalb des Futterplatzes bissen. Doch warum ist das so? Ist euch so etwas auch schonmal passiert oder ist es euch aufgefallen? Ich habe dazu meine eigene Meinung. Jeder Fisch stellt ein Individuum dar, mit einem gewissen Charakter und seinen eigenen Fressangewohnheiten. Manche sind dominanter, andere aggressiver als andere und dabei greifen diese Eigenschaften zusammen und stellen sich aufeinander ein. Der Vergleich ist vielleicht etwas weit hergeholt, jedoch hat es etwas von Knast, wo verschiedene Individuen aufeinander treffen und sich aufeinander einstellen müssen. Dabei wird die Hierarchie neu ausgelotet und festgelegt - so auch bei den Fischen. Der Futterplatz wird „eröffnet“, verschiedene Fische treffen auf den Futterplatz und müssen sich dort miteinander arrangieren. Dabei spielen die oben genannten Eigenschaften eine Rolle. Die dominanten und aggressiven Fische setzen sich durch und können den Spot für sich gewinnen. Die Unterlegenen stehen dabei mehr im Abseits. Man muss ein Lösung finden, um diese „Gesetzmäßigkeit“ zu brechen bzw. zu umgehen und möglichst alle Fische anzusprechen - doch wie? Wie löst ihr das in eurem Vereinssee oder hart gefischten Gewässer? Es geht nur über Probieren, sich neu erfinden und ständig an der Taktik feilen. Ich reagiere darauf, indem ich nicht punktuell spodde. Nicht weil ich es nicht kann, sondern vielmehr möchte ich die Fische im Areal etwas „auseinander ziehen“ und länger auf dem Spot beschäftigen. Dabei findet der große behäbige Fisch genauso sein Futter, wie der kleine agile und der scheue Fisch kann sein Futter auch abseits ohne Störung fressen. Die besonderen, seltenen Fische fange ich dann meist über die Single Hook oder in der Nähe des Futterplatzes.

 

 

Zeit für Veränderungen

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Der Flachwasserbereich wurde durch ein Rinnsal gespeist.

Mit dem fortschreitenden Frühjahr wurden die Fische merklich vorsichtiger. Viele Fische hatten schon drei-, vier-, fünfmal Kontakt mit einem Haken. Man merkte es an der Anzahl der Fänge, dem Hakensitz und vielen Aussteigern. Ich zählte bis dahin 12 Aussteiger auf ca. 40 Fische. Anfangs denkt man „ach, kann mal passieren“, doch die Aussteiger wurden mit der Vorsicht der Fische mehr. Von dem Moment an spürte ich das erste Mal, was Angeldruck eigentlich heißt. Das kannte ich bis dato nicht! Die Aussteiger mussten zwingend reduziert werden oder am besten gegen Null tendieren. Das Ärgerliche daran war, es waren meist die besseren Fische. Die Fische in diesem See haben ohnehin schon sehr weiche Mäuler und meistens haken die Fische in den Maulwinkeln. Da aber die meisten Fische keine Maulwinkel mehr haben, eben oft die großen wo kein Haken mehr vernünftig greifen kann, musste ein Rig her, welches möglichst mittig in der Unterlippe hakt. Den ersten Versuch startete ich mit dem Whitypool Rig, dann das neue German Rig, das Ronnie Rig, KD. Selbst am hochgelobten Chod Rig blieb kein Karpfen konstant hängen. Selbst lange/kurze Hairs sowie Riglänge funktionierten nur bedingt. Und nein, ich habe nicht mal schnell ein neues Rig gebunden und daran gehängt. Ich habe mich schon richtig mit der Materie auseinander gesetzt und einige Versuche gestartet.


Doch ich brauchte ein gut arbeitendes Rig, bei dem es kein Zufall ist, ob ein Fisch schlitzt oder nicht, sondern das Rig muss zuverlässig haken! Sowas war ich nicht gewohnt. Ich lief sehenden Auges in eine Krise. Es verging keine Session ohne Aussteiger. Ich sage es euch, sehr deprimierend. Denn man geht mit dem Bewusstsein fischen, dass man nicht alle Läufe verwandeln kann! Wer schon einmal eine solche „Krise“ hatte, weiß was ich meine. Es ist vergleichbar mit dem Boxer, der einen wichtigen Kampf verloren hat. Das kratzt an einem. Das alles ließ mich annehmen, dass es nicht am Rig liegt, sondern noch an anderen Dingen. Ich hatte einen Verdacht, meine Rute! Ich achtete im Drill auf die Aktion der Rute. Dabei fiel mir auf, dass sie eine weiche Spitze mit unpassendem hartem Rückrad hatte. Jedes Mal, wenn der harte mittlere Teil arbeiten musste, schlitzten die Fische. Neue Ruten mussten her. Dabei wollte ich gleichzeitig meine Schlagdistanz erhöhen. Das Ziel waren die 150 Meter! Im Hinterkopf hatte ich dabei die Session im Frühjahr, wo ich erkannte, dass Entfernung Trumpf ist! Ihr denkt euch bestimmt „was ein Spinner“! Nein es ist definitiv möglich. Ich weiß, dass viele diese Distanz bereits werfen und auch spodden! Ich bin kein Freund von halben Sachen, also wenn was Neues, dann richtig!

Im Wald leben noch Blindschleichen.

Auch die Libellen liebten meinen Platz.

Es musste eine Rute her, die über genügend Reserven verfügt, um auf Distanz zu fischen, jedoch „soft“ im Drill ist. Zwei Aspekte, die nur schwer zu vereinen sind. Das gelingt nicht jedem Hersteller. Nach einer Facebook-Anfrage hatte ich einen Anhaltspunkt und ein paar Modelle, die ich mir unbedingt ansehen wollte. Schwere Entscheidung, denn man muss Ruten nicht nur „mal in die Hand nehmen“, sondern auch mal benutzen/werfen. Das ist halt kaum möglich oder man wirft welche von Freunden, wie in meinem Fall. An dieser Stelle nochmals einen Dank an Robin ;). Ich entschied mich für Shimano Velosety in 13Ft und 3,5Ibs. Zeitgleich ließ ich mir Freespirits in England nach meinen Wünschen aufbauen. Ich konnte die nächste Session kaum erwarten, um mit den neuen Stöcken zu fischen. Ich entschied mich für meine verholzte Bucht. An dem Tag legte ich die Ruten wie gewohnt an die Krautkante. Ein paar 14 mm VNX, mit einigen Scoberrys als Eyecatcher drüber gefüttert und ein paar Spomb Partikel, fertig war die Falle. Als ich im Zelt lag, hörte ich, wie ein massiver Fisch gesprungen war. Ich rannte schnell aus dem Zelt und erkannte noch die Stelle, die ca. 30 Meter vor meinem Futterplatz war. Ich wusste, dass dieser Fisch da ist, um meinen Platz zu räumen und da war noch diese Vorahnung! Und tatsächlich, zwei Stunden später kescherte ich den schönsten Fisch mit einem stattlichen Gewicht aus dem See. Zugleich war es einer vom A-Team des Sees, welchen ich unbedingt fangen wollte. Dieser Fisch war wichtig für mich, denn daraus schöpfte ich enorm viel Motivation, trotz der Krise, die ich momentan hatte.

 

 

Nach der Laichzeit / Das Sommerloch?

Die Temperaturen stiegen rasant an, sodass die Laichzeit unmittelbar bevorstand. Ich fuhr unter der Woche des Öfteren an den See, um zu gucken, ob die Fische mit dem Liebesspiel schon begonnen hatten.  Ich überbrückte die Laichzeit an einem anderen See, wo die Fische schon gelaicht hatten. Nach zwei Wochen war es wieder soweit, die Fische waren durch mit der Laich und ich konnte wie gewohnt weitermachen. Jedoch verteilten sich die Fische im ganzen See, sodass die tieferen Regionen auch interessant wurden. Zudem lief es zunehmend schlechter. Durch Unterhaltungen wusste ich, dass viele Angler nicht verstanden, weshalb es so schlecht lief. So kannten viele Lokals den See nicht. Mitte Juni/Juli war der Höhepunkt erreicht. Viele Angler blankten, weil sie eben die Zeichen nicht deuteten und immer weiter Boilies in den See stickten - teilweise Wochenende für Wochenende das gleiche. Ich hatte meine Taktik den Fischen angepasst. Ganz wenig Futter und leichte Kost musste es sein. Meine Vermutung war, dass die Fische nur einzelne Futtergegenstände aufpickten und nicht wirklich massiv auf den Plätzen fraßen. Daher fischte ich mit austarierten Tigernüssen, Miniboilies und kleinen Pop-Up´s. Als Beifutter dienten mir in VNX Liquid gesoakte Aktivator Pellets und 3-5 Spombs voll mit Partikeln, mehr nicht. In dieser Phase merkte ich, dass Partikel eine magische Anziehungskraft auf die Fische ausübten. Ich begann, viel mit Partikeln zu experimentieren. Doch warum war das so, was meint ihr? Da viele Angler aufgrund der Futterbegrenzung Angst haben erwischt zu werden, sticken viele ihre 1-3 kg Boilies schnell in den See.

 

 

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Der erste Riese auf Single-Hook...

Das erlaubte 1kg liegt dann im Zelt zum Nachfüttern. Somit haben viele mehr Futter als erlaubt im/am See, fischen jedoch im Falle einer Kontrolle legal. Diese Art der Fütterung geht relativ schnell und ist unauffällig. Jedoch wollte ich auf meine Nasty Shrimp nicht verzichten und habe diese dann dehydriert und zusammen mit Partikelsud in Tüten eingeschweißt, damit die Boilies den Geruch und ggf. den Geschmack der Partikel aufnehmen. Zusätzlich löste ich noch etwas CSL von Successful-Baits im Partikelsud. Das rundete den Gestank noch etwas ab. Mein Plan ging voll auf, viele Fische schissen den Maisschalen und Boiliebrei. Ich war mir sehr sicher, dass Partikel die Lösung des „Rätsels“ sein mussten. Diese Tatsache öffnete mir die Augen. Ich merkte, dass die Fische zum Sommer hin extrem boiliescheu sind. Doch warum fressen sie dann die mit Partikelsud gesoakten Boilies? Ich bin überzeugt davon, dass die Fische die Scheu nicht nur optisch festlegen, sondern auch geschmacklich! Denn Boilies kennen sie in allen Farben und Geschmäckern, quasi alles was der Markt hergibt. Die gesoakten jedoch fraßen sie ohne Argwohn (so vermute ich), weil der Geschmack eben dem der Partikeln gleicht! Am erfolgreichsten war allerdings, wenig aktives Futter in Form von SB-Groundbait mit überwiegend Partikeln. Dieses relativ gestreut gespombt, dazu wenige in Partikelsud gesoakte Nasty-Shrimps und Scoberrys Boilies mit dem Rohr großflächig gestickt. Zudem entschied ich mich für Plätze, die wenig befischt waren, damit ich nicht auf altem Futter fischte. Diese Taktik brachte mir an den Wochenenden 2-3 Läufe von denen ich immer wieder Fische aufgrund meines Rigs verlor. Dennoch hoffte ich, Wochenende für Wochenende, dass sich dieser Zustand der Beißflaute bald ändern würde. Die einzige Zeit, in der es relativ gut lief, war bei richtigem Sturm. Da ich leider nicht so flexibel sein konnte, hatte ich zudem laufend das Pech, nicht fischen zu können, wenn es richtig stürmte. Die Vorfreude auf den Herbst war demnach sehr groß, denn ich hoffte, dass beim ersten Temperaturabfall die Fische den Impuls bekommen, um richtig zu fressen.

 

 

Der nächste Rückschlag

 

 

August, September, Oktober… die Zeit verstrich ohne eine Änderung an der Situation. Doch langsam begannen die Temperaturen zu fallen. Ich war guter Dinge, dass meine Zeit kommen würde. Mittlerweile hatte ich den ganzen See für mich erschlossen und kannte nahezu fast alle Stellen am Gewässer. Als die Temperaturen in den Keller gingen, hatten noch eine Menge anderer Angler das gleiche Vorhaben wie ich. Sie gingen alle mehr oder weniger zeitgleich Fischen. So kam es mir jedenfalls vor! Als ich freitags an den See kam, war dieser restlos voll. Es war wirklich kein Platz mehr frei, sodass ich auf ein anderes Gewässer ausweichen musste. Was ein Mist. Das konnte ja was werden… Die „Schlacht“ um die produktiven Stellen hatte begonnen. Genau das war mir immer ein Graus!

 

 

Ein toller Schuppi welcher sich an meinem Haken verfing

twelveft ausgabe17 christophmuehl 11 - Auf zu neuen Ufern - Teil 1

Dieses Erlebnis veranlasste mich, für die gute Zeit Urlaub einzureichen. Schließlich hatte ich den Herbst für mich schon „durchgeplant“ und war voller Motivation. Die neuen Free Spirits waren auch schon einsatzbereit und ich mega gespannt auf die neuen Ruten! Doch der nächste Rückschlag ließ nicht lange auf sich warten- mein Auto ging kaputt! Der Motor meines Autos wollte nicht so, wie ich wollte. Wirtschaftlicher Totalschaden! Ich konnte also nicht zum Fischen. Ein riesiges Ärgernis! Ein neues Auto musste her und das möglichst schnell. Da ich einen langen Arbeitsweg habe, brauche ich ein Auto, was günstig ist, wenig km gefahren hat und viel Platz bietet. Genau das findet man mal nicht eben in zwei Tagen. So dauerte meine Autosuche vier Wochen, bis ich endlich ein neues passendes Auto gefunden hatte. Der Herbst war fast gelaufen. Ich hatte allerdings noch eine Woche Urlaub. Diese musste ich definitiv am See verbringen. Ich freute mich wie ein kleiner Junge. Zum einen, weil ich wieder mobil war und zum anderen, dass ich in meiner Lieblingszeit mit neuen Ruten doch noch eine Woche fischen konnte. Meine Hoffnung war natürlich, dass es definitiv besser laufen würde und ich das ein oder andere Dickerchen auf den Kamerachip brenne.

Doch als ich am See ankam, herrschte gähnende Leere. Niemand fischte. Ich dachte mir schon, dass es immer noch nicht besser laufen würde, sonst wäre mehr los. Aber es war mir dann auch scheißegal…. Nach vier Wochen und dem ganzen Stress hatte ich Bock auf Angeln! Für den Herbst verwende ich gerne proteinreiches Futter. So stellte ich mein Futter etwas um und fütterte zusätzlich noch Hailbuttpellets. In der Woche fing ich jeden Morgen einen Fisch. Also „gut laufen“ war anders. Jetzt wusste ich, warum hier niemand mehr fischte. Es lohnte sich halt wenig bis gar nicht! Doch die Chancen auf einen Dicken steigen enorm, wie mir meine Session bestätigte. Fast alle Fische waren über 15 kg und einer sogar weit über die 20 kg Marke! Einer der großen Fische schiss ausschließlich nur Boilie und Pelletbrei auf die Matte. Dies bestätigte mir die Wirkung des Futters. In der ganzen Zeit experimentierte ich mit Rigs und passend zu dieser Session hatte ich eines gefunden, welches sehr zuverlässig hakte. Ich hatte in dieser Session keine Aussteiger. Das stimmte mich positiv im Hinblick auf die nächste Saison. Nun stand der Dezember vor der Tür. Zeit, das Jahr abzuschließen, um neue Kraft und Ideen für die kommende Saison zu generieren. Die letzte Session war ein toller Abschluss und für mich ein Happy End. Das nächste Jahr konnte nur besser werden, denn ich hatte ein neues Auto, neue Ruten, viele Erkenntnisse und das nötige Know-how!

 

 

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