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Mit Planung durch die Saison

Marvin Glinka


8 Minuten Lesezeit

 

Ich konnte mal wieder nicht einschlafen und lag hellwach auf meiner Liege. Die Regentropfen, die auf meinem Zelt einschlugen, hörten sich fast so an, wie die Schüsse eines Maschinengewehres. Sturmböen zerfetzten die Äste der umliegenden Bäume. Ohne Gnade. Doch nicht nur deswegen konnte ich nicht in das Land der Träume finden. Meine Gedanken zerrissen mir den Kopf. Sie ließen mich nicht los. Und ich konnte die Gedanken ebenso wenig loslassen. Es fühlte sich an, als wäre ich besessen. Von einem Teufel. Vom Gedankenteufel. Meine Gedankenströme kreisten abermals um die nächste Angelsaison. So erging es mir nur allzu oft. Ich wurde verrückt davon. Es trieb mich in den Wahnsinn. Seit jeher versuchte ich, meine Angelsaison bis in das kleinste Detail zu planen. Man hätte mir zu dieser Zeit auch extremen Perfektionismus unterstellen können.

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Ich saß fest im Sog meiner Gedanken. Sie umklammerten mich und ließen mich nicht in den Schlaf finden. Grausam diese Momente und doch so natürlich.

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Ich machte mir Gedanken über die passenden Gewässer für das Frühjahr. Ich suchte bereits zu Jahresbeginn, bei eisiger Kälte, potentielle Gewässer auf, um erfolgsversprechende Spots zu finden. Ich plante Futterkampagnen an meinen heimischen Baggerseen – an welchem Tag, zu welcher Uhrzeit, in welcher Menge ich füttern würde. Dazu hatte ich eigens Excel-Listen erstellt. Weit im Vorfeld sammelte ich Informationen über Gewässer für Angelurlaube – damit alles reibungslos abläuft und die Chance besteht, einen großen Karpfen zu fangen. Dann kam die Herstellung der eigenen Köder dazu – ich beschäftigte mich zum Beispiel mit der Zusammensetzung des ultimativen Boilies. Ebenso versuchte ich, immer und immer wieder, meine Montagen zu optimieren. Ich ließ einfach keine Möglichkeit aus, um mein gesamtes Angeln zu verbessern.


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Glück? Zufriedenheit?

Das Planen und Strukturieren liegt mir in den Genen. Doch irgendwie begleitet mich dabei das ständige Gefühl von Stress. Für mich bedeutet es Stress, kontinuierlich einen Plan zu verfolgen – nach einem Plan zu leben. Für einen Plan zu leben. Es zählt dann nur noch der Plan. Alles andere wird ausgeblendet. Man lebt in seiner eigenen Welt. Man ist gefangen. Ich raffte mich beispielsweise zum Angeln auf, an Tagen, an denen ich auch einfach mal hätte auf der Couch liegen bleiben wollen. An Tagen, an denen es mir gesundheitlich schlecht ging. An Tagen, an denen ich eigentlich viel lieber etwas mit meiner Familie oder mit meinen Freunden gemacht hätte. Ich hatte zu viele Opfer für das Angeln bzw. für meine Pläne gebracht. Allem voran fühlte ich mich in meinem Kopf und in meinem Geist einfach nicht frei. Glück und Zufriedenheit – zwei Substantive, die mir in dieser Zeit fremd waren. Auch dann, wenn ein Plan funktionierte und ein großer Fisch auf der Matte lag.

 

 

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Genuss des Lebens

Heute, geprägt durch die Digitalisierung, ist unsere Welt extrem schnelllebig. Die sozialen Medien sind bei den meisten Menschen präsent. Wir blicken beispielsweise ständig auf das Smartphone, sobald es eine neue Meldung anzeigt. Facebook, Instagram, Snapchat – wir sind immer erreichbar, wir wollen informiert sein, wir wollen das eigene Leben mit anderen Menschen teilen. Das raubt uns unsere kostbare Zeit. Allein dadurch ist man permanent im Stress. Dann hetzten wir uns von Termin zu Termin. Sowohl beruflich, als auch privat. Wir funktionieren wie Roboter – wir können einfach nicht abschalten. Wo bleibt da der Genuss des Lebens?

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Verflucht. Wo ist eigentlich der Genuss des Lebens geblieben? Getrieben vom Digitalen. Getrieben vom Stress.

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DIE KRAFT DES ANGELNS AUFSAUGEN…

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Gehen wir nicht Angeln, um uns von unserem stressigen Alltag zu erholen? Wir fahren doch eigentlich ans Wasser, um frei zu sein, die Natur zu fühlen und einfach die knapp bemessene, freie Zeit  in vollen Zügen zu genießen. Die Ruhe, die Stille, die Kraft, die uns das Angeln gibt, saugen wir auf, um den harten Alltag zu überstehen. Ob es Sinn macht, eine Angelsaison strikt zu planen? NEIN, das macht es meiner Meinung nach nicht. Stress haben wir ohnehin schon genug. Beim Angeln sollten wir uns deshalb durch Pläne nicht noch mehr unter Druck setzen.

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Planlos durch die Saison

Mittlerweile plane ich meine Angelsaison nach einem anderen Muster, das zu der eigentlichen Vorstellung einer Planung völlig widersprüchlich ist. Ich nehme mir vor weniger zu planen. Das ist das Einzige. In der Vergangenheit habe ich nämlich gelernt auf das zu hören, was mir mein Herz sagt. Vielmehr folge ich nun meinem Instinkt. Ich lasse mich treiben. Ich höre auf mein Bauchgefühl. Ich höre auf mein Verlangen. Ich tue das, worauf ich Lust habe. Und nicht das, was mir ein Plan sagt. Dadurch fühle ich mich frei. Und ungebunden. Und glücklich.

 

 

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Man ist flexibler…

 

 

Viele Dinge sind ohnehin nicht planbar. Der angefütterte Angelplatz am heimischen Baggersee kann durch einen anderen Angler besetzt werden. Die Nachtangelzonen an den französischen Seen können belegt sein. Das Wetter und das Beißverhalten der Fische sind sowieso nicht planbar. Es gibt so viele Faktoren, die uns unsere Pläne vernichten. Können wir einen Plan nicht durchziehen, schlägt es uns auf die Psyche. In uns verbreitet sich Enttäuschung, Ärger und Wut. Man ist in seinem Angeln einfach viel flexibler, wenn man nicht plant. Ist Stelle A besetzt, setzt man sich auf Stelle B. Sind die Nachtangelzonen an Gewässer C belegt, fährt man zur Nachtangelzone des Gewässers D. Ist der Wind zu stark, um effektiv an dem riesigen, südfranzösischen Stausee zu angeln, fährt man einfach an ein kleines Gewässer, an dem das Angeln möglich ist.


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Grobe Planung ist in Ordnung

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Zugegeben: Grobe Pläne rund um eine Angelsaison gibt es bei mir in gewisser Weise immer noch. Aber diese sind nicht  mehr so verbissen. Und reichen schon gar nicht mehr bis in das kleinste Detail. Ich suche mir am Anfang des Jahres lediglich ein bis zwei Gewässer aus, welche ich intensiver befischen möchte. Ich lebe einfach in die Angelsaison hinein, beobachte die Zeichen der Natur und versuche, die Fische zu lokalisieren. Je nachdem, welchen Weg mir mein Instinkt sagt, versuche ich dann, durch kurze, gezielte Futterkampagnen oder instant, Fische zu fangen. Und wenn ich mal von einem Freund für ein Wochenende an ein völlig anderes Gewässer zum Angeln eingeladen werde, dann angele ich selbstverständlich mit ihm. Oder wenn ich Lust auf andere Freizeitaktivitäten habe – dann fahre ich einfach mal nicht ans Wasser.

Angeln ist Entspannung. Wertvolle Zeit, die man nicht abgeben sollte. Verplan sie nicht. Lass auf dich zukommen, was auf dich zukommt. Be free!


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Strikte Urlaubsplanung?

Zudem halte ich Urlaubstage für Angelurlaube frei. In diesem Jahr möchte ich beispielsweise mit meiner Freundin Clarissa einen Frankreich-Roadtrip machen. Wo es uns genau hinschlägt – keine Ahnung. Wir lassen uns treiben und werden dort Angeln, wo wir uns geborgen fühlen. Konkrete Pläne gibt es nicht! Vielleicht werden wir am Ende sogar etwas völlig anderes machen, als die grob angedachte Frankreich-Tour. Alles ist möglich…

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Vertrauen schenken

 

 

Zum Thema Köder mache ich mir übrigens keine großen Gedanken mehr. Ich verwende ausschließlich Produkte von CC Moore – da kann ich mir einfach sicher sein, mit hochwertigen und extrem fängigen Ködern zu angeln. Das gleiche gilt für Montagen: Ich nutze in der Regel einfache Kombi-Rigs (Wide Gape-Haken am knotenlosen Knoten) mit einem Safety-Clip-System für Bodenköder oder simple Chod-Rigs für Pop Up-Boilies.

Alles ist möglich. Wir lassen uns treiben und schauen mal, wo wir stranden. Ohne Planung. Das ist ein Wagnis. Aber erst der Mut macht es interessant.


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Dicker Spiegler

Aus dem letzten Jahr ist mir ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben. Ich hatte mich spontan für eine gemeinsame Session mit meinem Kumpel Carsten an einem seiner Gewässer verabredet. Zu Zeiten des in mir schlummernden Planungsteufels hätte ich mich niemals auf solch ein Social eingelassen. Neben der ausgelassen Stimmung, die das Wochenende mit Carsten so kurzweilig machte, konnte ich einen makellosen, schweren Spiegler fangen. Einfach ein wunderschönes Tier. Es war ein unvergessliches Wochenende, welches mir im absoluten Planungswahn verwehrt geblieben wäre. Ich möchte gar nicht weiter darüber nachdenken, wieviel ich durch das strikte Planen in meinem Leben verpasst habe.


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Verlasse Dich auf Dein Gefühl. Höre auf Dein Herz. Tue das, worauf Du Lust hast. Genieße das Angeln. Setzte Dich nicht durch übermäßige Planung unnötig unter Druck. Gehe nicht „Mit Planung durch die Saison“, gehe überwiegend „Planlos durch die Saison“.

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