twelveft ausgabe17 johannesmandl 12 - Vergessene Goldgruben

Johannes Mandl

Vergessene
Goldgruben

6 Minuten Lesezeit

 

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Wer kennt sie nicht? Die Gewässer seiner Jugend! An denen man früher als Kind zusammen mit seinem Vater oder Großvater saß und zum ersten Mal eine Angel in die Hand gedrückt bekam. Bei mir waren es die vielen kleinen Altarme in den Auengebieten meiner Heimat, an die es mich als Kleinkind zog. So richtig Oldschool - mit einer Dose Mais, einer alten Telerute und einer riesen Leidenschaft für die Natur. Komplett abgelegene Gewässer, die mit zunehmendem Interesse an größeren Seen für mich immer mehr an Bedeutung verloren und irgendwann vergessen wurden. Über 17 Jahre hinweg lagen diese Altarme komplett unbefischt da und wurden langsam von der Natur verschlungen.

Vor einigen Wochen war ich zusammen mit meinem Bruder auf den Feldwegen hinter meinem Dorf joggen. Vorbei an wunderschönen Auenlandschaften und Wäldern, überraschte mich plötzlich ein Blick durch eine kleine Lichtung auf ein komplett zugewachsenes Gewässer. Der Anblick schockierte und beeindruckte mich zugleich. Ein kleiner Graben aus meiner Jugendzeit, früher noch offen und mit wenig Vegetation, heute komplett zugewachsen und gleich einem Dschungel. Viele Erinnerungen an die frühere Angelei kamen wieder hoch und brachten mich schon wieder ins grübeln, wo genau man hier jetzt noch am besten angeln könnte. Die Gedanken verfolgten mich die ganze Woche hinweg und ich entschloss mich, mal wieder ein paar Versuche an diesen Altarmen zu starten.

Meine Wurzeln. Meine Anfänge. Vergessen werde ich sie nicht.


Am nächsten Tag schnappte ich mir mein Kanu und startete eine kleine Expedition durch diesen Dschungel. Die Gräben waren nun so dicht verwachsen, dass sie vom Ufer kaum, beziehungsweise gar nicht mehr zu erreichen waren. Die Natur in ihrer ursprünglichsten Form. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nach einigen Kilometern dichtester Vegetation, entdeckte ich dann auch den Grund warum ich hier wieder her gekommen bin. In einem kleinen krautfreien Loch am Ufer sah ich sechs Karpfen an der Oberfläche stehen, die sich von meiner Anwesenheit kaum beeindrucken ließen. Obwohl ich nur Fische bis ca. 11 Kilo sah, dachte ich mir immer wieder, es müssen doch mit der Zeit wahre Monster herangewachsen sein.

Ich fütterte schon einmal einige Stellen am Ufer mit ganz wenig Dosenmais und einzelnen gelben 16 mm Boilies vor. Wenig Futter – aber dafür auffällig. Mit dieser Taktik fische ich so gut wie immer an solchen Gewässertypen. Warum? Dazu später mehr.



Wieder Zuhause packte ich gleich mein Tackle, um am nächsten Tag sofort einen Versuch starten zu können. Steife Ruten, geflochtene Schnur und stabile Haken, um die Fische auch aus dem Kraut zu bekommen.

Den ersten Tag startete ich gleich am Anfang des rund 15 km langen Altarmes. Ich bin immer mit dem Boot unterwegs. Nach wenigen Minuten lagen die Ruten perfekt in den Löchern am Ufer. Ich setzte mich in eine kleine Biberrutsche am Ufer, genoss die Natur und dachte über die Angelei nach. Wie sie sich nur über die letzten Jahrzehnte verändert hat. Früher mit einer Dose Mais, einer Rute und einem Rutenhalter aus einem Ast geschnitzt und heute mit modernstem Gerät. Aber das moderne Equipment fängt! Keine 10 Minuten nachdem die Ruten lagen, lief auch schon der erste kleine Fisch ab und ich erkämpfte mir den ersten Karpfen aus dem Dschungel. Ein Fisch, der in seinem Leben noch nie Kontakt mit einem Angler hatte. Doch es war nicht der Letzte. Auf vier Stunden verteilt, konnte ich noch drei weitere Fische fangen, alle zwischen 10 und 12 kg schwer. Ein guter Anfang!


twelveft ausgabe17 johannesmandl 1 - Vergessene Goldgruben

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Der Anfang ist gemacht. Jetzt heißt es Gewichte erhöhen.

twelveft ausgabe17 johannesmandl 17 - Vergessene Goldgruben

Der Boden auf dem ich meine Montagen abgelegt hatte, bestand aus rund einem Meter Schlamm und war komplett bedeckt von Kraut, Blättern und Ästen. Dies verlangt nach einer besonderen Montage, die ich auch ohne Probleme auf so einem Grund fischen kann. Meine Ruten sind dabei mit einer Helikopter Montage aus einem Leadcore und einem sehr leichten Blei bis maximal 100 Gramm bestückt. Hierauf läuft zwischen zwei Gummiperlen ein Hinged-Stiff-Rig, bei dem der Mittelteil aus einem semisteifen bis weichen Material besteht, das sich somit optimal über die Äste am Boden hinweg legt und am Ende mit einem Choddy aus dem Chodmono und einem 4er Katja Haken. Eine zu steife Sektion in der Mitte würde eventuell dafür sorgen, dass das Rig vom Boden absteht. Das Blei sinkt bei dieser Montage in den Schlamm ein, wohingegen das Rig perfekt über den Ästen liegen bleibt. Zudem nutze ich an solchen Gewässertypen immer die selbe Taktik. Ich fische mit einem kleinen gelben 16 mm Pop Up und füttere darüber nur eine ganz kleine Menge an Dosenmais. Auf diese Weise fange ich so gut wie an jedem meiner Altarme extrem schnell und effektiv meine Karpfen und das hat einen einfachen Grund. Das Überangebot an natürlicher Nahrung in diesen Gewässern sorgt dafür, dass die Fische nur selten auf große Futteraktionen ansprechen. Mit dem wenigen aber über dem dunklen Schlammboden extrem auffälligen Futter, hole ich mir schnell die neugierigen Karpfen aus dem Kraut und der einzelne gelbe Pop Up über dem Mais erledigt dann den Rest. Wenig Futter aber maximale Wirkung. Der Dosenmais wird dabei auch von komplett unberührten Karpfen sofort angenommen und sinkt zudem aufgrund des geringen Gewichts auch kaum in den Schlamm ein.


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Meine Methode ist einfach, aber auch super effektiv.

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Wenige Tage später zog es mich wieder auf eine drei Tage lange Tour immer weiter in den Dschungel hinein. Noch zugewachsener und abgeschiedener als zuvor. Doch der Wunsch nach einem Bigfish trieb mich immer weiter voran. Die Ruten lagen wieder perfekt in ihren Krautlöchern auf dem Schlamm. Die erste Nacht brachte mir wieder fünf Läufe und drei Fische bis 13 kg, doch die Nacht war hart! Es war schwer die Fische aus dem Kraut zu bekommen, zudem war die Nacht mitten im Gebüsch nicht besonders angenehm und erholsam. Doch die Mühe sollte sich lohnen. Am morgen riss mich ein Fullrun aus dem Schlaf und ich sah bereits einen mächtigen Schwall durch die Seerosen hinweg. Nach einem harten Kampf lag unter 30 kg Kraut ein riesiger Bulle im Kescher. 22,5kg! Unfassbarer Drill und ein noch so unfassbarer Fisch.

Ich ließ die Rute gleich am Ufer, packte mein Zeug und fuhr weiter, immer auf der Suche nach Fischaktivität an der Oberfläche. Die zweite Nacht verbrachte ich rund 3 Kilometer weiter an einer breiteren Stelle und auch dort konnte ich wieder drei Fische auf die Matte legen. Ich fischte zwischendurch auch einzelne gelbe 16 mm Boilies von Oldschoolbaits, die mir ebenfalls Fische brachten.

Gelbe Pop Ups. Dosenmais. Karpfenangeln kann so einfach sein.

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Den letzten Tag fuhr ich in einen Altarm, der fast komplett von Seerosen überwachsen war und auf den ersten Blick kaum so aussah, als könne man ihn überhaupt befischen. Doch das ein oder andere Loch am Ufer ließ sich dann doch finden. Mit Subfloats bestückt legte ich meine Ruten in den Löchern ab und wartete lange auf den ersten Biss, bis sich dann mit einzelnen Piepern eine Rute meldete. Brasse! Dachte ich zumindest. Ich nahm die Rute auf, ruderte zu meinem Spot und stellte erstaunt fest, dass die Schnur schon komplett durch das Kraut hindurch lief. Die Arbeit begann. Stück für Stück kämpfte ich mich zum Fisch durch. Nach 20 Metern stand ich vor einem großen Krauthaufen. Die Hoffnung schon aufgegeben hier noch einen Fisch rauszuholen, kescherte ich blind in das Kraut hinein, als ich plötzlich einen mächtigen Schlag verspürte. Ich zog gefühlt 40kg Kraut aus dem Kescher, als ich am Boden von diesem plötzlich einen riesen Nacken im Kraut sah, der mir komplett die Luft nahm. Ich wuchtete den Fisch in die Falte und ließ erst einmal einen befreienden Schrei los. 26,3 kg! Ein wilder Bulle, der ungestört Jahrzehnte lang seine Bahnen in diesem Dschungel zog. Was für ein Gewässer! Damals wie heute.

Einfach eine vergessene Goldgrube…!


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