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twelve feet 

Kilometer

4728 Kilometer

Ein Artikel von Hendrik Upperkamp

8 Minuten Lesezeit
Voller Aufregung stieg ich in das bis unter die Decke vollgepackte, vollgetankte Auto. Es war 4 Uhr morgens und kurz zuvor verabschiedete ich mich noch von meiner Freundin und meiner Familie, um meinen Trip endlich beginnen zu lassen. Mein Körper war geladen mit Vorfreude, aber auch mit Zweifeln. Es war nicht mein erster Frankreich-Trip, dennoch mein erster längerer Trip komplett allein. Noch auf der Fahrt in Richtung Süden durchzogen die ständigen und allen bekannten Fragen solcher Trips meinen Kopf: „Ist alles dabei?“, „Habe ich etwas vergessen?“, „Habe ich genug Futter dabei?“. Ich bin unter Strom. Permanent angetrieben vom eigenen Drive. Nach 4,5 Stunden legte ich die erste Pause in Luxemburg ein.

Ich habe ganz klassisch noch einmal vollgetankt, Zigaretten und Kaffee gekauft und gleich einen getrunken. Ein wenig erholt und deutlich fitter ging es dann weiter Richtung Südfrankreich auf die Autobahn. Mein Plan war es, das erste Mal am „heiligen See“, am Lac de Saint Cassien, zu fischen. Der Platz auf dem Campingplatz war erst für Dienstag gebucht, sodass auf dem Hinweg noch eine Nacht Zeit für ein anderes Gewässer war. Im Vorhinein suchte ich mir eine Handvoll Gewässer aus, an denen ich ein paar Stunden angeln und schlafen konnte. Endlich in der Region der ausgesuchten Gewässer, in Zentralfrankreich, angekommen, fuhr ich einige Stellen ab. An der ersten Stelle parkte ich mein Auto und lief den Kanal nach links hin ab, jedoch ohne Karpfen zu finden. Die Mittagssonne brannte extrem, sodass ich, zurück am Auto angekommen, erst einmal eine ordentliche Portion Wasser benötigte.

Nach der kurzen Pause ging es weiter und ich lief das Stück rechts vom Auto ab. Schon nach ca. 100 m sah ich einen guten Schuppi, der direkt an der Spundwand, im Flachwasser fraß. Ich beobachtete diesen eine kurze Zeit und traf die Entscheidung, ein paar kleine, aber auffällige Active Glow 15 mm in der Hand zu zerbröseln und das lose Futter auf etwa 2 m² zu verteilen. Schnell, aber vorsichtig, lief ich an der Spundwand entlang zurück zum Auto. Flott hatte ich zwei Ruten fertig, je mit einem 15 mm Active Glow Hard & Light Hookbait beködert. Mit den beiden Ruten in der linken und dem Kescher in der rechten Hand lief ich zurück zu der Stelle, an der ich den Fisch sah. Mittlerweile waren dort sogar drei Fische am Fressen. Dazu kamen ein etwas kleinerer Spiegler von etwa 20 Pfund und ein richtig guter Spiegler, an dessen Nacken man schon von oben erahnen konnte, welche Ausmaße er hat. Wieder warf ich eine Hand voll zerkleinerte Boilies auf die Fische.

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Dann verließen diese den Platz für einige Minuten, sodass ich die Montagen unauffällig platzieren konnte. Langsam legte ich die erste Rute ab, möglichst ohne viel Aufmerksamkeit der Fische zu bekommen. Ich öffnete die Bremse und legte die Rute ohne Bissanzeiger einfach auf den Beton der Spundwand. Die zweite Rute sollte ihren Platz etwa 5 m entfernt an der Zugroute, ebenfalls im Flachwasser an der Spundwand finden. Eine kurze Zeit nachdem beide Ruten fangfähig im Wasser lagen, waren wieder alle drei Fische am Platz und fraßen. Kopf an Kopf an Kopf standen sie genau parallel zueinander auf dem Platz und bewegten sich immer näher zum Köder der linken Rute. Plötzlich ein Schwall. Feines Sediment wird aufgewirbelt und ich ärgere mich schon, dass das Rig nicht funktioniert hat. Doch nur einen Augenblick später sah ich, wie meine Rute in die Fluchtrichtung der Fische rutscht. Ich realisierte, dass ich den Biss erst später bemerkt hatte, weil ich die Schnur 2 bis 3 m schlaff über den Grund gelegt hatte, um die Fische nicht zu verschrecken. Nach kurzem Drill lag dann der kleinste der drei Fische im Netz. Voll gepumpt mit Adrenalin und völlig unter Strom wurde mit dem Smartphone schnell ein Bild geknipst, da die Kameraausrüstung noch tief im Auto verstaut war. Ein sehr netter Franzose, der mit seinem Boot im Hafen des Kanals anlag, erbarmte sich und übernahm kurzerhand die Rolle des Fotografen. Das Bad im Kanal tat auch mir bei der Hitze sehr gut. Mit trockenen Klamotten ging ich dann in die Nachtangelzone, in der ich dann noch zwei Fische fangen durfte, bevor der Wecker um 7 Uhr klingelte, um mich weiter auf den Weg nach Südfrankreich zu machen.

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Die Zeit am Lac de St. Cassien verging schneller, als ich es erwartet und gewollt hatte. Mit einer Menge neuer Erfahrungen und Bekanntschaften, die auch nach der Zeit dort anhalten, war es wieder Zeit weiterzuziehen. So ging es dann zurück in Richtung Norden.

Auf dem Plan stand wieder eine Nacht am Kanal, um nicht den ganzen Weg durchzufahren. Aufgrund des Verkehrs kam ich sehr spät an und begab mich direkt in die Nachtangelzone. Schnell eine Rute links an der Spundwand abgelegt und eine Rute rechts an der Spundwand. Meine Taktik für diese Nacht sollte sich auf das Fallenstellen fokussieren. Als Hakenköder verwendete ich jeweils einen 20 mm Solid Citrus Hard & Light Hookbait und als Beifutter lediglich zehn Boilies, die sorgfältig um den Hakenköder verteilt wurden. Die Nacht brachte drei Fische und somit nicht den dringend benötigten Schlaf. Aber auf den konnte ich auch gut verzichten, denn die Fische brachten mir einen enormen Motivationsschub. Mit gutem Gefühl und positivem Mindset ging es dann für eine Woche an einen Flachland-Stausee in Nordfrankreich.

Nach Absprache mit Yöann, ein Franzose, den ich letztes Jahr kennenlernen durfte, sowie mit Blick auf die Wetter App, wählte ich einen Platz, von dem ich sowohl ins Freiwasser fischen konnte, als auch an eine Schilfreihe, auf die der Wind schon seit ein paar Tagen wehte. Vier Blanknächte und viele Stunden Location später entschied ich mich, noch einmal zu wechseln. Schnell war das Tackle wieder auf dem Boot verstaut und der E-Motor steuerte mein Schlauchoot in Richtung des anderen Ende des Sees. Dort angekommen fuhr ich mit Polbrille und Echolot bewaffnet, mit noch voll bepacktem Boot direkt potenzielle Spots ab. Nach 10 Minuten sah ich kurz vorm Schilf einen großen Schatten. Mein Körper  war direkt wieder mit Adrenalin geladen und ich freute mich, Fische gefunden zu haben. Ein paar Meter weiter explodierte circa 2 m vor dem Boot dann noch ein Fisch und ich war mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Noch schneller als ich mein Camp morgens abgebaut hatte, stand es zum Mittag wieder am neuen Platz. Ich legte zwei Ruten an die Schilfkante, wo ich die Fische kurz vorher ausgemacht hatte, ab und war mir sicher, dass dort einfach was gehen muss!

 
Unter Strom.  Ständig im Wechsel. Immer auf 100%. In mir pocht ein ständiger Stromfluss.

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Die ersten 24 Stunden vergingen, entgegen meiner Erwartung aber ohne Aktion. Zweifel machten sich in mir breit. Vielleicht habe ich zu viel gefüttert? Vielleicht habe ich die Fische verscheucht? Dennoch sagte mir irgendwas, dass ich dort richtig lag. Ich ließ beide Ruten, wo sie waren, in dem Wissen, dass die Hakenköder, ein 25 mm Active Mussel Hookbait mit einem weißen Active Glow Pop Up in 15 mm im Zusammenspiel mit dem Futter, eine Mischung aus 20 mm und 25 mm Solid Fish und Active Mussel, sowie ein paar Händen 15 mm Active Glow Boilies einfach fangen müssen! Im ersten Licht lag ich nun da, völlig enttäuscht, auch die letzte Chance verspielt zu haben. Plötzlich bekam ich einen Fallbiss. Mit der Erwartung, dass am anderen Ende eine Brasse hängt, stiefelte ich mit entsprechender Geschwindigkeit und Motivation zu den im Wasser stehenden Ruten. Nachdem ich etwa 20 m ohne jeglichen Kontakt eingeholt hatte, wurde mir mit einem Schlag und einer rasanten Flucht doch klar, dass dort definitiv keine Brasse am anderen Ende hängt. Also hieß es schnell ins Boot und Richtung Fisch. Als der Karpfen dann im Kescher lag und ich ihn zum ersten Mal ganz ansah, war ich mir irgendwie sicher, dass es genau der Fisch ist, den ich zwei Tage zuvor dort gesehen hatte. Und endlich war es zurück, das Gefühl, wenn ein Plan aufgeht. Der Strom, der den Körper durchzieht und einen alle Strapazen vergessen lässt.

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Kein Flussangeln und dennoch unter Strom. Ich dreh ab. Der Plan geht auf!

Ein Artikel von Hendrik Uppenkamp