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Auf der anderen Seite des Meeres.

Ein Artikel von Younes Gonzalez

10 Minuten Lesezeit

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Es war Juni im Jahr 2018. Gemeinsam mit meinem Freund Khalid Chaoui saß ich an einem der zahlreichen südfranzösischen Stauseen und wir genossen zusammen die Einsamkeit. Die Mittagssonne brannte auf uns hinab und machte die Angelei an diesem ohnehin schon schweren Gewässer unerträglich und nahezu aussichtslos. Je länger wir in der glimmenden Sonne vegetierten, desto größer wurde der Wunsch nach neuen Gewässern, fernab unserer Angelei in Frankreich. Wir wollten ferne Länder beangeln und Neuland besteigen. Einfach mal wieder eine neue Challenge annehmen und Abenteuer erleben. Die Wahl fiel schnell auf ein Land, das wir schon länger befischen wollten. Marokko. Schon zu Beginn des Jahres war ich kurz davor, mir ein Flugticket zu kaufen, um unberührte Berberkarpfen zu fangen. Unser Zielgewässer sollte der Aït el Messaoud in der Region Bénni Mellal sein, ein Gewässer, das bei uns Europäern noch nicht allzu viel Aufmerksamkeit erhielt.

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Neue Ziele. Neue Gewässer.

Viele Aspekte spielten uns passend in die Karten. So konnten wir nicht nur einen nordafrikanischen See befischen, sondern diesen auch als eine der Ersten überhaupt gezielt auf Karpfen beangeln. Der See war erst kürzlich in die Portfolios eines Reiseveranstalters aufgenommen worden. Das Gute war, dass Khalid den Manager des Guidingservices vor Ort kannte und wir so relativ schnell und ohne Umwege an einen der wenigen Plätze gelangten. Es hatte sich ein wenig Pionierfieber in uns geweckt und wir durften uns vom Veranstalter einladen lassen, um dieses Gewässer gezielt zu befischen. Das war natürlich ein ungewollter Bonus, den wir gerne in Empfang nahmen.
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Eine Reise zum Karpfenangeln in Marokko.

Alles war geplant. Der Flug stand. Wir starteten in Marseille und flogen per Direktflug nach Casablanca am 16. November. Du glaubst gar nicht, wie groß unsere Vorfreude war. Nach Ankunft in Marokko wurde unsere Weiterreise direkt per Taxi von unserem Veranstalter geregelt. Ein Service, den wir begrüßten, auch wenn uns die Landessprache nicht fremd war. Khalid ist einheimisch und knüpfte im Vorfeld direkt Kontakte zu seiner Familie. Auf dem Weg zu ihnen durchquerten wir die gesamte Stadt und sahen einiges von Casablanca. Wir verbrachten die erste Nacht also im Rahmen seiner Familie. Ich lernte seine Familie kennen und war – wie er – herzlich willkommen. Gemeinsam genossen wir eine coole Zeit bei fantastischem Essen.

Ich selbst komme aus den Bezirken der französischen Arbeiterklasse. Ich mag die Gastfreundschaft und die Kultur. Wir durften uns wie zu Hause fühlen. So schön die Zeit mit der Familie aber auch war, am nächsten Tag hatten wir einiges vor und verabschiedeten uns frühzeitig, um noch einmal Kraft zu tanken. Es vergingen einige Stunden, bis der Wecker uns wieder aus den Federn zerrte. Im Hintergrund hörten wir die Melodie des Muezzins der nächstgelegenen Moschee. Der Tagesanbruch rief zum Gebet. Wir setzten aus.

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Aït el Messaoud. Wir sind startklar.

Wir kauften ein. Besorgten das, was noch nötig war, um in der abgelegenen Gegend überleben zu können. Eine mobile Internetleitung sollte da natürlich nicht fehlen. Auch der Telefonempfang sollte funktionieren. Wir baten unseren Veranstalter um Rat, welches Telefonnetz in der Region wohl funktionieren würde. Maroc Telecom sollte für unsere Belange ausreichend sein. Wir hofften darauf, dass das Netz tatsächlich funktionieren würde. Am Vormittag holte uns ein Taxi ab, um uns zum See zu bringen. Es dauerte rund vier Stunden, da das Gepäck von Khalid am Vortag vom Flughafen-Zoll beschlagnahmt wurde. Nachdem auch diese Hürde überwunden war, starteten wir zum See. Saïd erwartete uns bereits. Einigen wird er bekannt sein, denn er war jener Fischer, der auch am berühmten Bin el Quidane seine Runden zog. Mittlerweile ist er Seeverwalter am Aït el Messaoud. Er ist dafür verantwortlich, Besucher und Angler an die jeweiligen Plätze am See zu bringen. Außerdem leistet er Support am See, lädt Batterien auf und bringt Mahlzeiten ans Wasser. Für kleinere Gefallen und Dienste kann man ihn ebenfalls beauftragen – um z.B. in den umliegenden Geschäften einkaufen zu fahren.

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An der Base – wir leben ab sofort im Abenteuer.

Das Abenteuer startete. Wir waren am Basislager und hatten das Privileg, von einer Stelle in der Nähe einen Bereich zu befischen, der normalerweise nicht von Kunden befischt werden darf. Er ist der Sammelpunkt für Mitarbeiter und Kunden. Es war schon spät. Der Himmel hatte uns das Licht genommen. Wir wussten zwar, wo wir waren, aber die Umgebung war kaum zu erkennen. Wir legten unsere Fallen zufällig aus und platzierten die Ruten nur sporadisch genau. Die Müdigkeit überkam uns und wir beschlossen, genauere Lokalisierungen erst am kommenden Morgen zu machen. Auch Khalid war geschafft. Die vergangene Arbeitswoche hatte deutliche Spuren bei uns hinterlassen. Erst am kommenden Morgen wurden wir wieder wach. Ich war noch länger in den Träumen geblieben, während Khalid seine Ruten bereits perfekt platzieren konnte.
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Ich liebe die Freiheit. Ich liebe das Unberührte. Ich liebe das Reisen. 

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Frankreich folgt uns.

Der gesamte Tag war von Sonne und klarem Himmel geprägt. Auch in der Nacht hatten wir sternenklare Bedingungen. Mit dem Aufwachen an diesem wunderbaren Fleckchen Erde überkam uns allerdings die Erinnerung an die herbstlichen Bedingungen in unserer Heimat Frankreich. Tropfen waren zu hören, eine stärkere Brise kam auf und wir fanden uns inmitten der herbstlichen Bedingungen wieder, vor denen wir doch eigentlich geflohen waren. Wie auch immer. Wir würden es schon meistern. Schon am Vortag zogen wir Lose, wer auf der rechten, bzw. auf der linken Seite fischen dürfte. Ich war derjenige, der links einen geräumigen Bereich abdecken würde. Zwei meiner Ruten platzierte ich bereits am Vortag, eine weitere Rute sollte nun folgen. Obwohl uns der Veranstalter Boote und Echolote zur Verfügung stellte, setze ich auf Tools, denen ich auch in meiner heimatlichen Angelei vertraue. Ich griff zum Deeper, der mir ganz genau das Tiefenprofil übermittelt und gleichzeitig das Mapping meines Bereiches übernimmt.

Das Gewässerprofil spiegelt einige Plateaus wider. Die Standardtiefe beläuft sich auf 3-4 Meter in diesem Bereich, wobei dieser Abschnitt bis zur anderen Uferseite auf rund 12 Meter abfällt. Hier verläuft das alte Flussbett und bildet die tiefsten Stellen des Sees. Wir versuchten mit unseren Ruten alle Bereiche abzudecken und verteilten sie dementsprechend auf, neben und hinter den Plateaus bis weit in den Bereich des Flussbettes hinein. Diese Taktik sollte uns zunächst zeigen, wo sich die Fische überhaupt aufhalten. Wir vernahmen eine Temperatur des Wassers von immerhin noch 14° Grad Celsius. Eine Wassertemperatur, bei der wir in allen Tiefenbereichen Fische vermuten konnten. Hin und wieder sahen wir daher auch Aktivität und springende Fische.

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Welche Köder wir einsetzen.

Laut unseren Informationen wird an diesem See sehr viel mit Partikeln gefischt. Mais dominiert dabei. Dieser wird vor Ort gekocht. Einige probieren es dann mit Pop-Ups, wobei selten jemand große Köder einsetzt und damit zum Erfolg kommt. Ausgehend von diesen Infos probierte auch ich es mit kleineren Maisködern, setzte bei zweien meiner Ruten aber auch Köder als Experiment ein. Ich vertraute auf Snowmann-Montagen mit extrem harten Ködern und auffälligen Pop-Ups. 15 mm Baits sollten den Erfolg bringen. Die Böden hier sind lehmig und relativ hart. Häufig dauert es länger, bis die Fische unbekannte Köder akzeptieren, geraten nach Akzeptanz aber in einen wahren Fressrausch. Es blieb zunächst einmal ruhig.
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Ich hoffte auf einen wahren Fressrausch.

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Wir lieben Fotografie und das Karpfenangeln

In den Stunden, in denen uns die Fische keinen Erfolg gönnten, wussten wir uns dennoch zu beschäftigen. Wir filmten und fotografierten. Unglaubliche Momente und unvergessliche Szenen hielten wir fest. Nur so wissen wir unsere Eindrücke richtig zu verarbeiten und festzuhalten. Wir brannten unzählige spektakuläre Eindrücke auf unsere SD-Karten und machten so Erinnerungen für die Ewigkeit.
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Zurück zu unserem Vorhaben.

Erst am folgenden Morgen konnten wir die erste Aktion verbuchen und bekamen einen Biss. Ein Nutrabaits Pineapple N´butyric verführte unseren ersten afrikanischen Fisch. Der Drill war ordentlich. Ich drillte ihn vom Boot aus und versuchte, ihn von den vielen Büschen fern zu halten. Der See verliert und gewinnt oft sehr schnell an Wasser. Das wird durch den Stau beeinflusst. Es kann also schon mal sein, dass der Wasserpegel innerhalb weniger Stunden fällt oder sich anhebt. Bei Hochwasser stehen viele Büsche und Holzansammlungen unter Wasser. Dank des Einsatzes des Bootes konnte ich den Fisch sicher landen. Glück gehabt! Der Auftakt war gemacht.

Es vergingen nun einige Tage, in denen die Fische aktiv auf unseren Plätzen rollten und sprangen. Das Wetter änderte sich permanent. Auf Regen folgte Sonne, die wiederum durch dichte Wolken verdrängt wurde. Wir fingen regelmäßig Fische bis 14 kg. Wir waren über die Fischgrößen tatsächlich verwundert, beherbergt dieser See durchaus Fische bis über 20 kg. Das wussten wir aus unserer Recherche heraus und waren dementsprechend motiviert, auch einen dieser Fische zu überlisten. In den letzten zwei Jahren ist der See allerdings auch mit kleineren Fischen bestückt worden, das sich natürlich auch auf die Fänge auswirkt. Die Formen und Vielfalt der Fische hier sind allerdings sehr beeindruckend. Jeder Fisch hat etwas Besonderes an sich und ist eine Trophäe. Die große Masse natürlicher Nahrung im See wird die Fische in kurzer Zeit sehr schnell wachsen lassen. Viele dieser Fische sind vollbeschuppte Spiegler und toll gezeichnete Fully Scales.

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Vollbeschuppte Spiegler. Fully Scaled. Was willst du mehr? 

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Ab jetzt – jeden Tag Fisch.

Unsere Taktik ging auf. Immer mehr Fische fanden konstant auf den Futterplatz. Wir fingen jeden Tag zwei, manchmal sogar drei Fische. Nur an der Größe durften sich noch Veränderungen einstellen. Beeinflussen konnten wir dies bei dieser Session aber kaum. Was ich probierte war die Reduzierung des Maiseinsatzes. Ein paar wenige Boilies sollten es richten. Die meisten Fische blieben aber weiter auf jenen Ruten, auf denen wir auch Mais einsetzten und die Fänge reduzierten sich dort, wo wir ausschließlich Boilies einsetzten, stark. Die Fische, die wir dort überlisten konnten, waren aber deutlich größer als auf jenen Ruten, die wir mit Partikeln bedienten. Khalid wendete die gleiche Taktik an und konnte ähnliche Erfahrungen bestätigen. Die meisten Fische pendelten sich zwischen 3 und 5 kg ein. Sebastian Cosnard sagte uns, dass wir die einzigen Angler waren, die bisher mit Boilies fischten. Vielleicht waren die Erfolge deshalb so schleppend? Wir konnten es nicht genau sagen. Auf jeden Fall füllte sich unser Album stetig mit marokkanischen Schönheiten. Am Ende konnte ich mehr als 15 und Khalid mehr als 10 Fische verzeichnen. Zufriedenheit stellte sich ein.

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