Ein Artikel von Janik Wolf
twelvefeet ausgabe20 janikwolf 34 - Die Köder in Relation zur Situation
7 Minuten Lesezeit

Die Köder in Relation zur Situation

JW

Seit meinen Anfangsjahren rolle ich meine Boilies größtenteils selbst ab. Dabei griff ich in der Vergangenheit teils auf eigne, aber auch auf fertige Mixe zurück. Die Vorteile beim Selbstrollen liegen für mich darin, dass ich die Zusammensetzung meines Mixes selbst bestimmen kann und weiß, was darin verarbeitet ist. Außerdem kann ich Größe, Form und Härtegrad der jeweiligen Situation anpassen.

JW

Viele Leute werden durch den immensen Zeitaufwand und die benötigten Geräte abgeschreckt und greifen lieber auf Fertigköder zurück. Ich habe auch nicht die modernsten Geräte – nicht mal eine Boiliemaschine. Ich rolle meine Boilies alle per Rollbrett ab. Lediglich eine Druckluftbaitgun musste her, da bei einer manuellen Baitgun bereits nach wenigen Kilos die Hände schmerzen.

Um den Teig anzumischen, bedarf es auch nicht unbedingt eines Hubkneters. Eine Schlagbohrmaschine mit Rührstab tut es auch. Generell mische ich 5 kg Trockenmix an, das reicht für zwei Ladungen meiner 3,5 kg fassenden Gun. Würde ich eine größere Menge anmischen, wäre der Teig beim Abrollen nicht mehr geschmeidig genug, da er zu lange trocken liegen würde. Vor kurzem habe ich mir einen alten Kartoffeldämpfer aus DDR-Zeiten zugelegt, um meine Boilies darin zu dämpfen. Generell bin ich ein Verfechter des Dämpfens, da hierbei die wasserlöslichen Zutaten nicht ausgewaschen werden. Zudem hat der Dämpfer den Vorteil, dass ich auch meine Partikel darin kochen kann.

Muss ich große Mengen an Trockenmix anmischen, bin ich in der glücklichen Lage, dass meine Mutter seit Jahren für eine Bäckerei tätig ist und ich dort meine Mixe anmischen und in großen Säcken verpacken kann. So muss ich nur noch Eier auf den Mix geben und kann mit dem Abrollen beginnen.

Auch wenn ich nicht die fortschrittlichste „Produktion“ habe, kann ich bis zu 25 kg pro Tag herstellen. An kalten Wintertagen, wenn die Seen zugefroren sind, ziehe ich zwei bis drei Wochenenden durch und habe meinen Jahresvorrat fertig.

Dennoch muss man in meinen Augen die Wichtigkeit des Futters bzw. des Köders in Relation mit der gesamten Angelei setzen. Natürlich gibt es nicht den perfekten, ultimativen Allroundköder, der immer und in jeder Situation fängt. Vielmehr gibt es aber Köder, die in der einen Situation besser fangen, in der anderen hingegen schlechter.

JW
JW

Viele Fische vs. große Fische

Meiner Meinung nach muss man sich grundsätzlich im Klaren darüber werden, welches Ziel man verfolgt. Möchte man möglichst viele Fische fangen oder doch eher die Großen und damit den Kompromiss eingehen, weniger Bisse zu erhalten?

Möchte ich viele Fische fangen und somit auch kleinere, muss sehr attraktives Futter verwendet werden. Meinen Boilie baue ich in dieser Situation auf einer Fischmehlbasis auf, da Fischmehl meinen Erfahrungen nach die größte Anziehungskraft auf Karpfen besitzt. Außerdem sollte der Boilie gut wasserlöslich sein, um möglichst schnell möglichst viele Fische anzusprechen. In der Praxis nennt man solche Köder „Instantboilies“. Außerdem setze ich in bei dem Ziel, möglichst viele Fische zu fangen, auf Partikel, wie Tigernüsse, Mais, Weizen, Hanf, aber auch Pellets. Dies sind alles kleine, hoch attraktive Köder, die schnell die Fische auf den Platz ziehen. Diese Vorgehensweise kommt in meiner Angelei hauptsächlich in der kalten Jahreszeit zum Einsatz, bzw. wenn ich wenig Zeit habe und nur eine Shortsession fische. Denn dann bin ich zufrieden mit jeder Aktion und die Größe der gefangenen Fische spielt eine untergeordnete Rolle.

Möchte ich hingegen eher die größeren Fische fangen, verwende ich selektivere Köder bzw. Boilies, die für die kleinen Karpfen nicht so attraktiv und nährreich sind. Selektiv heißt, dass ich nun ausschließlich 24 mm oder 32 mm Boilies verwende. Mein Mix ist hierbei auf Birdfood und anderen pflanzlichen Mehlen aufgebaut. Außerdem verwende ich einen höheren Anteil an Eggalbumin oder andere Härter, um einen möglichst harten Boilie zu bekommen. In diesem Fall ist es mir wichtig, dass der Köder nicht so schnell arbeitet – denn sonst wäre er wieder attraktiv genug, um kleine Karpfen auf mein Futter aufmerksam zu machen. Meine Taktik sieht dann so aus, dass ich diesen speziellen Köder über einen längeren Zeitraum füttere. Bei der Spotwahl achte ich darauf, dass ich nicht das Topplateau befüttere, das fast täglich befischt wird. Denn dann könnten andere Angler mit ihrem Futter die kleineren Fische wieder auf „meinen“ Platz aufmerksam machen und der Trubel würde die größeren Fische verscheuchen.

Als nächstes muss man die vorherrschende Angelsituation bewerten. Zu welcher Jahreszeit fische ich? Welche Wetterbedingungen finde ich vor? Wie ist der Fischbestand an Karpfen, aber auch an Weißfischen und Welsen? Gibt es Krebse oder andere natürliche Nahrung? Und vor allem: Wie hoch ist der Angeldruck und was füttern die anderen?

JW
Anzeige
800x1250 - Die Köder in Relation zur Situation

Möglichst attraktives Futter, wenn…

… die Fische weniger aktiv sind

Plane ich zum Beispiel eine Frühjahrssession bei 12 Grad und Sonne, werde ich mich nicht an den durchschnittlich 7 m tiefen Baggersee ohne Flachwasserzone mit selektiven Boilies setzen. Vielmehr würde jetzt ein flacher, mittelgroßer Stausee mehr Sinn machen, da sich das Wasser hier schneller erwärmt und somit die Fische aktiv werden lässt. Mein Futter besteht zu diesem Zeitpunkt aus Mais, Haferflocken und vorgewässerten Pellets. Warum? Jetzt möchte ich möglichst attraktives Futter einsetzen, um die Chancen auf überhaupt einen Biss zu erhöhen. Mais und Haferflocken stechen durch ihre jeweiligen Farben bereits heraus. Die vorgewässerten Pellets lösen sich unter Wasser schneller. Als Köder verwende ich auffällige Wafter und Pop-Ups.

JW

… ich wenig Zeit habe

Da in der warmen Jahreszeit alle Karpfen aktiv sind, gehe ich auch gern nach Feierabend mit der Pose und Mais oder Maden los oder fische mit Schwimmbrot an der Oberfläche. Aber warum? Nach der Arbeit habe ich nur begrenzt Zeit, also müssen sehr attraktive Köder her. Außerdem ist es eine willkommene Abwechslung, mit der Pose zu fischen. So kann ich den Mais oder die Maden im Mittelwasser oder knapp unter der Oberfläche anbieten. Das Schwimmbrot kann ich direkt auf der Oberfläche anbieten. Die Fische sind jetzt unterwegs oder sonnen sich sogar direkt an der Oberfläche. Aktuell haben sie also wenig Interesse, in Grundnähe zu fressen bzw. suchen nicht aktiv nach Nahrung. Würde ich jetzt zum Beispiel einen Boilie anbieten, würde ich – trotz guter Location – nichts fangen. Also muss ich Reize mit auffälligen Ködern oder attraktivem Futter setzen und es dort anbieten, wo die Fische sich aktuell aufhalten.

>>Das Geheimnis steckt darin, Futter und Taktik an die Situationen anzupassen.<<

Selektives Futter, wenn…

… es warm ist

Fische ich hingegen im Sommer an einem der vielen Baggerseen meiner Region, setze ich meist auf meine selektiven Boilies. Denn jetzt ist alles aktiv, was Flossen hat. Also versuche ich ab diesem Zeitpunkt – meistens nach der Laichzeit – die besseren Fische abzugreifen. Hier verwende ich passend zu meinem Boiliemix entsprechende Wafter, die ich aus einer Korkkugel und den Teigresten der Produktion herstelle. „Match the Hatch“ würden die Engländer sagen. Zu deutsch: der Hakenköder ist vom Aussehen, der Größe, dem Geruch und Geschmack exakt so, wie das restliche Futter. Einen Pop-Up on top fische ich dann nicht. Der wäre für einen schnelleren Biss gut, aber nicht, wenn ich so selektiv wie möglich fischen möchte.

Sollte aber auf Grund der Klimaerwärmung die Wassertemperatur zu hoch sein, verwende ich Hanf- oder anderes Öl, um die gesamte Wassersäule zu aktivieren und mein Futter ein wenig attraktiver zu machen.

JW

… es Futterneider gibt

An meinem Hausgewässer hatte ich ein großes Problem mit Wasservögeln. Die Tiere holten alles hoch, was gefüttert wurde, auch die Montage wurde dabei regelmäßig verzogen. Sobald ich mit dem Wurfrohr fütterte, kam nahezu der komplette Vogelbestand des Sees auf meinen Spot. Um mir Abhilfe zu schaffen, warf ich meine Rute im letzten Licht und fütterte anschließend in der Dunkelheit meinen Spot. Ich beschränkte mich deshalb auf schnelle Nächte und war spätestens um 8:00 Uhr vom See verschwunden. Leider hat sich die Hauptbeißzeit in den letzten Jahren von der Nacht auf den Vormittag verschoben. Meine nächtlichen Fänge gingen zurück, während andere Angler tagsüber fingen. Die Lösung: Hanf und vereinzelte Tigernüsse. Es wäre für die Vögel viel zu aufwendig, für die kleinen Körnchen abzutauchen und jedes einzelne Hanfkorn und jede einzelne Nuss aufzupicken. Solltet ihr auch Probleme mit Wasservögeln haben, probiert das mal aus!

Insgesamt kann man also festhalten, dass die Köder nur so gut sein können, wie die Situation es zulässt. Es bringt mir nichts, wenn ich die Fische in der Laichzeit im Flachwasser gefunden habe, aber dann 3 kg Boilies verteile und hoffe, dass schon einer beißen wird. In diesem Moment haben die Karpfen einfach andere Sachen im Kopf als fressen. Vielmehr kann ich in dieser Situation mit auffälligen Single Hookbaits die Fische ansprechen.

Bei der Wahl des richtigen Futters sollte man also so vorgehen: Man schaut sich erst die Location an, prüft danach, welche Bedingungen herrschen und welches Ziel man verfolgt. Dann erst kann man den optimalen Köder auswählen, oder – wie ich – selbst herstellen.

>>Manchmal muss es ein einzelner Köder sein. Ein anderes Mal brauchst du für den Erfolg unter Umständen mehrere Kilo Baits. Bleib flexibel!<<

Anzeige
kl angelsport ausgabe 17 700px - Die Köder in Relation zur Situation
JW