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Minimalismus

Ein Artikel von Heiko Schulz

7 Minuten Lesezeit
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„Erst wenn Dir von Allem der kleinste Teil genügt, wird das Leben zum Fest!“ 

Diesen Satz habe ich vor sehr langer Zeit mal in einem Artikel gelesen. Seitdem schwirrt er in vielen Situationen des öfteren durch meinen Kopf und es steckt, wie ich finde, sehr viel Wahrheit darin. Wie bei so vielen Dingen lässt er sich auch ein Stück weit auf meine Angelei übertragen. Besonders beim Thema Futter war er Teil meiner persönlichen anglerischen Entwicklung. 

Als ich vor ungefähr 20 Jahren mit dem Karpfenangeln begann und mir alle nötigen Informationen zusammensuchte, gab es beim Thema Beifutter eine recht einheitliche Meinung. Die meisten Aussagen und Ratschläge beliefen sich auf 1-2 kg Futter PRO Rute! Aus heutiger Sicht würde ich diese Menge schon als „grobe Kelle“ bezeichnen. Man darf dabei zwar nicht vergessen, dass die Fische damals besser auf Futter reagierten und weniger konditioniert waren. Auch war die Besatzpolitik vieler Vereine noch eine andere… So wurden viele Seen noch jährlich mit Satzern zugeschüttet. Heute spielt der Karpfen als Speisefisch nur noch eine untergeordnete Rolle. So gingen die Besatzzahlen und die Entnahme zurück und die Gewichte und das Alter der Fische stiegen fast überall. 

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Diese Entwicklung war für uns natürlich toll. Schließlich hat man als Angler Bock auf große Fische. Hier muss ich jetzt aber auch etwas Wasser in den Wein kippen. Werden die Fische älter und im Laufe ihres Lebens öfter gehakt, verändert sich auch ihr Verhalten. Wo es früher reichte ordentlich abzukippen und sich dann dumm und dämlich zu fangen, musste man sich immer häufiger mit wesentlich weniger Bissen auseinander setzen. Diese Taktik schien nicht mehr so wirklich zu funktionieren. Und wenn, dann nur noch zu Zeiten sehr hohem Nahrungsbedarfs. Das ist meist rund um die Laichzeit und dann nochmal im September der Fall. In der restlichen Zeit muss man sich schon ein bisschen mehr einfallen lassen, um überdurchschnittlich zu fangen und auch regelmäßig mal einen dickeren ans Band zu bekommen. Unterm Strich gibt es da zwei Möglichkeiten. Entweder versuche ich mit Langzeitfutterplätzen Vertrauen in mein Futter zu schaffen oder ich spezialisiere mich auf die Fallenstellerei. Letzteres hat für mich den höheren Reiz.

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Das Fallenstellen find ich persönlich cooler. Man ist wesentlich flexibler und man muss nicht ständig Angst um seinen Futterplatz haben. Und gerade Flexibilität ist oft der Schlüssel zum Erfolg. Wer wie ich oft nur kurze Nächte macht, ist mit der Fallenstellerei ganz gut beraten. Hier gibt es allerdings zwei Grundvoraussetzungen, die erfüllt werden müssen. Zum einen ist es die penible Location aussichtsreicher Spots und zum anderen möglichst hochwertiges Futter. Denn für mich heißt Fallenstellerei der Einsatz von einer minimalen Futtermenge. Ich rede hier zum Teil von 5-6 Boilies als Beifutter. Hat man die Fische lokalisiert, klappt es auch mit Single Hookbaits. Allerdings brauch ich für mein gutes Gefühl dann doch zumindest etwas freies Futter. Ziel der ganzen Geschichte ist es ja, möglichst gleich den ersten Fisch, der auf den Spot, kommt auch zu haken. Das klappt überraschend gut. Gerade in Gewässern mit hohem Angeldruck reagieren die meisten Fische wesentlich unvorsichtiger auf kleine Futtermengen und gerade die größeren Fische lassen sich so dann doch wieder relativ einfach fangen. Ein weiterer Vorteil der Fallenstellerei ist, dass man so Spots befischen kann, die für die Futterplatzangler zu klein oder zu unbequem sind. Im Übrigen ist es auch eine gute Methode, um an neuen Gewässern herauszufinden, welche Bereiche heiß sind und wo sich die Fische aufhalten. Richtig Futter abkippen kann man dann immer noch.

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Und da sind wir auch schon beim Kernthema des Artikels, dem Futter. Ich hatte oben ja schon erwähnt, dass ich bei dieser Art der Angelei sehr großen Wert auf möglichst hochwertiges Futter lege. Und auch wenn es gute Alternativen gibt und Partikel sowie Hülsenfrüchte tödlich gut funktionieren können, verwende ich doch zu 90% meiner Angelei am liebsten Boilies. Für große Karpfen sind sie immer noch am selektivsten. Hier habe ich zwei verschiedene Ansätze. Je nachdem ob ich mit unauffälligen oder visuell reizvollen Hakenködern fischen möchte. Gerade bei kälterem Wasser wie im Spätherbst und im zeitigen Frühjahr verwende ich ab und zu auffällige, überflavourte Hakenköder. Das mache ich aber nur, wenn ich dazu auch eine Handvoll unterschiedlicher Boilies füttern kann. Sprich unterschiedliche Farbe, Größe und Mixzusammensetzung. Das klingt jetzt etwas paradox. Aber so fällt der auffällige Hakenköder wieder etwas weniger auf und diese „Büffettaktik“ spricht wesentlich mehr Fische an. Die Fische schießen sich nicht auf eine Sorte ein und picken relativ schnell den attraktiven Hakenköder heraus. Würde ich nur eine Sorte dazu füttern, bestünde die Möglichkeit, dass der auffällige Hakenköder nicht angerührt werden würde oder sich nur ein kleiner unerfahrener Fisch hakt. Ein weiterer Vorteil dieser Futtermethode ist die Möglichkeit, Boilies mit unterschiedlichen Lösungsverhalten verwenden zu können. So liegt immer etwas aktives Futter am Spot. Füttere ich nur eine Sorte Boilies, so achte ich darauf, dass der Hakenköder perfekt zum Futter passt und nicht auffällt. Basemix-Wafter eignen sich dazu oder halt ein normaler Sinker aus der Tüte. Dann ist die Falle perfekt. 

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„Futter. Falle. Feuer frei?“

Da ich meine Boiliemixe selbst zusammenstelle, bin ich in der Lage, diese perfekt auf meine Art der Angelei abzustimmen. Ziel des ganzen ist es ja, einen Boilie zu entwickeln, der sofort als Nahrung erkannt und akzeptiert wird. Im Laufe der Jahre haben sich da einige gut funktionierende Kombinationen herauskristallisiert. So verzichte ich mittlerweile gänzlich auf normales Fischmehl. Es gibt mittlerweile einfach viel bessere Alternativen für tierisches Protein. Neben einem soliden Grundmix aus Sojamehl, Hanf und Eggalbumin verwende ich hier sehr gerne Seidenraupenmehl, Krillmehl und Squidmehl. Das ist weniger gewöhnlich. Zudem greife ich gern auf Fermentationsprodukte zurück. Fermentation ist im Grunde ein kontrollierter Zersetzungsprozess. Dabei werden langkettige Nährstoffe durch Enzyme oder Bakterien aufgespalten, was sie zum einen leichter verdaulich machen (wie Stärke in Getreide, siehe Sauerteig, oder der Prozess der Fleischreife, wo Kollagene aufgespalten werden) und zum anderen sind diese aufgespaltenen Nährstoffe auch besser wasserlöslich und für die Fische schneller wahrnehmbar. Bei tierischen Produkten verwendet man dafür in der Regel Enzyme, wie beim „vorverdauten“ Fischmehl. Bei stärkehaltigen pflanzlichen Produkten sind es meist Milchsäurebakterien. Das ganze funktioniert im Boilie hervorragend. Belachan zum Beispiel kann man auch in diesem Atemzug nennen. Es ist auch ein fermentiertes Produkt und wirkt deswegen so gut. Des weiteren sind Extrakte aufgrund ihrer Wasserlöslichkeit für den Instandeinsatz perfekt geeignet. Allen voran der absolute Klassiker Rinderleberextrakt. Karpfen lieben das Zeug. Besonders große Fische scheinen da sehr gut drauf anzusprechen. Das schöne ist, wer minimale Futtermengen einsetzt, kann mit den Nährwerten ans Maximum gehen. Schließlich besteht nicht die Gefahr, die Fische frühzeitig zu sättigen. Ich erreiche das mit einer erhöhten Menge an Fett. Fette sind in der natürlichen Nahrung der Karpfen Mangelwahre und sie sind verrückt danach. Deswegen funktionieren ölige Pellets auch so gut. 30 ml Lachsöl pro Kilo werten jeden Mix auf. 

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Hat man einen so guten Boilie zur Verfügung, kann man ihn natürlich ohne Bedenken sofort „out of the Box“ füttern und fischen. Man kann das ganze aber noch steigern und dafür sorgen, dass der Boilie ab der ersten Sekunde am Spot für uns arbeitet. Ich soake meine Baits deshalb 24 Stunden vor dem Angeln mit guten Hydrolysaten. Krill oder gelöstes Belachan sind dabei meine Favoriten. Das Liquid zieht in die getrockneten Boilies ein und schwämmt sich dann bei Wasserkontakt mit den anderen löslichen Zutaten wieder aus. So lässt sich auch eine gute Ummantelung der Boilies mit allen erdenklichen Mehlen und Extrakten umsetzen. Viele verwenden hierfür zum Beispiel GLM oder Fischprotein. Das ganze ist ja im Grunde auch ein alter Hut. Es funktioniert aber einfach sehr gut, wenn man seinen Boilie maximal aufwerten möchte. 

Zum Schluss möchte ich allerdings noch auf eine Ausnahmesituation hinweisen. Hat man es auf große Einzelfische in gut besetzten Gewässern abgesehen, kann zu attraktives Futter kontraproduktiv sein. In solchen Situationen möchte man eben nicht sofort jeden Fisch ansprechen. Hier macht es Sinn, eher unattraktive Boilies auf Kohlenhydratbasis zu fischen. Diese bleiben der Theorie nach eher liegen, bis einer der Altfische auf das Futter stößt. Sehr scharfe Boilies können den selben Effekt haben. Chilli wirkt auf kleine Fische auch eher unattraktiv. Ich habe aber den selben Effekt auch bei einer erhöhten Menge Rinderleberextrakt festgestellt. Ich nenne das ganze mal „überwürzt“. Hier macht es dann auch Sinn, die Montage mal 2-3 Nächte liegen zu lassen. Viele Ausnahmefische wurden in der Vergangenheit mit dieser Taktik überlistet. Allerdings setzt das ein gutes Stück Vertrauen in sein Handeln voraus, um da die Ruhe zu bewahren und die Rute eben nicht einmal täglich neu zu fahren. Welchen Weg ihr geht, müsst allerdings ihr selbst entscheiden. Ich persönlich fahre mit minimalen Futtereinsatz und maximaler Attraktivität am Spot sehr gut.

 

„Vertrauen: Da fängt gutes Futter an.“ 

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