Aufwachen und

durchatmen

Ein Artikel von Thomas Müller

16 Minuten Lesezeit
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Vom leichten Wind und der aufgehenden Sonne erwache ich mit einem ungewohnten Gefühl. Ich befinde mich im tiefen Süden und habe einen Plan. Nicht besonders tief gestrickt, aber dafür umso schöner: Sechs Wochen reise ich durch verschiedenste Gegenden Frankreichs, ohne ein wirkliches Ziel. Lediglich dem Alltag entkommen, um das zu tun, was ich liebe! Ich lasse die Natur auf mich wirken und atme tief durch.

Doch zunächst von Anfang an

Der Wecker klingelt unangenehm laut. Der Ton stresst mich bereits am frühen Morgen. Kurz fasse ich zusammen, welche Aufgaben am heutigen Tage auf mich warten. Ohne zu frühstücken setze ich mich an meinen Schreibtisch und beginne, mich für die bevorstehenden Prüfungen vorzubereiten. Nach 6 Jahren Studium bin ich in der lernintensivsten Phase versunken. Nach dem locker angegangen Bachelorstudium heißt es nun alles geben, um sich mit einem guten Ersteindruck bewerben zu können. Die gewohnten 100 Nächte im Jahr können jetzt nicht mehr erreicht werden. Auch die schnellen Nächte unter der Woche fallen mir nicht mehr so leicht. Nach einer erfolgreichen Nacht am Wasser bleiben die Gedanken beim Angeln und die berufliche Vorbereitung fällt mir schwer. Auch der Job neben dem Studium verlangt immer mehr Zeit. So treffe ich einen Entschluss. Die nächsten sechs Monate werde ich ohne viel zu Angeln verbringen. Ich fokussiere mich mit voller Energie auf die bevorstehenden Aufgaben, um mich dann mit einer 6-wöchigen Session zu belohnen. Diese will ich bewusst in die Anfangszeit des Frühjahrs legen. Im Süden ist es da schon warm, während in Deutschland die Bäume noch keine Blätter tragen und die Fische noch wenig aktiv sind.

Woche 1

Zielgewässer nicht beangelbar, nächtigen auf dem Parkplatz, 8-stündige Stellensuche und das Auftackeln bei Regen. Das fängt ja super an. Nach 24 Stunden Dauerregen und 1500 km Fahrt auf dem Buckel ist aber alles wieder in Ordnung: Die Wirkung der Sonne und der Blick auf den großen Stausee am ersten Morgen lassen alles vergessen. Ich bleibe eine Weile einfach liegen und mache nichts. Ich lasse einfach die Atmosphäre auf mich wirken. Doch nicht lange, kurz darauf kommt der erste Biss. Ein kleiner Schuppi geht ins Netz und die Reise in eine unvergessliche Session beginnt. Endlich wieder durchatmen! 
Das folgende Frühstück genieße ich in vollen Zügen. Die Nacht auf dem Parkplatz war nicht geplant, sodass die geplanten Essensreserven viel zu früh aufgebraucht waren. Die Essenstasche für die kommenden Tage lag unerreichbar weit unten. An Auspacken war bei dem Platzregen auch nicht zu denken. Also ein rundum ungelungener Start. Doch umso besser schmeckt mir jetzt das Frühstück! Doch ausgiebig genießen kann ich es nicht. In weiter Entfernung steigt der zweite Fisch auf einer Steilkante ein, an der sich zwei Windströme treffen. Kurze Zeit später bin ich über dem Fisch, aber für einen kurzen Augenblick weiß ich nicht mehr, wo vorne und hinten ist. Der eine Windstrom drückt mich raus in den See und der andere senkrecht in die andere Richtung. Verantwortlich ist der Berg hinter mir, in dessen Windschatten ich mich versteckt habe. Zum Glück falle ich mit meinem Hinterteil auf die Sitzbank und kann im Sitzen weiterdrillen. Nach kurzem aber hartem Drill lande ich einen der begehrten Spiegelkarpfen des Sees. Und dann auch noch direkt einen richtig Guten. Ein Schneemann mit Selfmadeboilie und einem braunen Pop-Up von Joker Baits mit wenig Beifutter war das Erfolgsrezept.

Der Wind wird immer straffer und die Vorhersage spricht von in der Nacht einbrechenden 100 km/h. Erfahrungen haben gezeigt, dass bei den Bedingungen die Bootsnutzung an dem See unmöglich ist. Also lege ich einen Futterplatz auf etwa 60 m Entfernung an, falls die Ruten nicht neu gefahren werden können. Und so kommt es auch. In der Nacht verhafte ich einen schönen Schuppi aber der Wind lässt es nicht mehr zu, die Rute neu abzulegen. Ich werfe den vorgefütterten Platz in Wurfdistanz an und lege mich auf die Liege. Mein Brolly flattert im Wind, aber ich fühle mich pudelwohl. Keine Pflichten, keine Aufgaben, einfach nur tun, was man tun will. 
Am frühen Morgen habe ich den nächsten Lauf. Wieder auf der Steilkante. Der Wind hält sich in dem Augenblick in Grenzen und ich kann mit dem Boot rausfahren, dem Fisch entgegen. Gerade dort angekommen, höre ich einen anderen Bissanzeiger schreien. Ich entscheide mich, den Fisch hart aber bedacht zu drillen und dann schnell zu der anderen Rute zurück zu paddeln. Gesagt, getan. Einen guten Schuppi im Netz und wieder eine krumme Rute in der Hand. Auf welcher Rute? Natürlich auf die geworfene Rute. Ja auch an einem 750 ha großen See funktioniert das. Und wie es funktioniert! Der Fisch kämpft tief und lässt mich lange zittern. Nach einem aufregenden Drill kann ich den zweiten Spiegler landen. Und der ist sogar noch größer!

Nach fünf erfolgreichen, aber auch entspannten Tagen bin ich vom Stress befreit. Auch wenn die Fische das tun, was ich mir immer erhoffe, entscheide ich mich nur noch zwei Nächte an dem See zu fischen. Weiterziehen? Trotz der erfolgreichen Tage? Ja! Ich habe die Eindrücke aufgesaugt und bin bereit für Neues. Mir geht es nicht nur um das Abkeschern von großen Fischen. Ich möchte verschiedenste Gewässer kennenlernen, Eindrücke sammeln und die Vielfalt auf mich wirken lassen.

Doing what you like is Freedom. Liking what you do is happiness

Frank Tyger

Woche 2

Nach einigen weiteren Fischen ziehe ich 200 km weiter südlich. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge lasse ich die Stelle zurück. Auch wenn ich weiß, dass die Stelle noch gute Fische bringen wird, zieht es mich weiter –zu neuen Eindrücken. Nachdem ich von dem großen Stausee abgereist bin, komme ich an einem lediglich 80 m breiten See an. Die Sonne steht am höchsten Punkt, das Thermometer zeigt 27 Grad im Schatten und es ist kein Baum weit und breit zu sehen. Nach dem langen Winter kennt meine Haut dieses Gefühl kaum mehr. Und außerdem brennt sie schon von dem Sonnenbrand der letzten Tage. Mit Pulli und langer Hose gekleidet, baue ich mein Material schnell auf und verstecke mich im Zelt vor der Sonne. Es weht kein Wind und die Hitze steht im Tal des Sees. Die interessanten Stellen bei 80 m Seebreite ausfindig zu machen, fällt mir nicht schwer. Das Schwierige ist, die Fische auf der mehrere Kilometer langen Strecke zu finden. Doch da wir bei 17 Grad Wassertemperatur kurz vor der Versammlung zum Laich stehen, entscheide ich mich, in der Nähe des Laichgebietes zu fischen. Gesagt, getan. Der Plan geht auf, denn der erste Biss lässt nicht lange auf sich warten. In der ersten Nacht kann ich zwei Fische fangen. Aber beide kaum schwerer als fünf Kilo. Als ich am nächsten Morgen aufwache, zieht mich mein Bauchgefühl 100 m weiter ins Flache. Also schnell eingepackt, alles ins Boot und wieder aufs Neue aufbauen. Für manche eine Qual, für mich mit sechs Wochen Zeit im Gepäck, absolut angenehm. Dieses Mal möchte ich anders vorgehen. Ich lasse das Boot am Ufer stehen und verteile die Ruten auf 50 m an der ersten Uferkante. Doch das gleiche Spiel wie gestern. Nur kleine Fische. Also erhöhe ich die Futtermenge und versuche so, die großen Fische an den Platz zu kriegen.

Indem ich die Futtermenge erhöhe, möchte ich die großen Fische auf meinen Spot bekommen

Aber erstmal steht ein leckeres Essen an. Ein campender Engländer hat mir ein schönes Stück Filet aus dem Heimatland dagelassen. Dazu gibt es Gemüse und Rosmarinkartoffeln. Der gute Wein aus der Moselregion darf natürlich auch nicht fehlen. Pappsatt und glücklich schlafe ich ein. Dieses Mal, ohne vom Bissanzeiger geweckt zu werden. Also stehe ich auf und spaziere den See entlang, um nach Fischen zu suchen. Und ich sollte sie auch finden. Voller Euphorie renne ich zum Platz zurück und packe schnell ein. Doch Moment! Ich merke, dass ich ein Ersatzteil vom Primus Omnifuel Kocher im Schlamm verloren habe. Die schnelle Suche bringt keinen Erfolg. Also stecke ich die Umgebung mit 30 Heringen ab und beginne, intensiver zu suchen. Jedes abgesteckte Quadrat wird einzeln abgesucht. Doch ohne Erfolg. Also nehme ich ein Messer in die Hand und Buddel alle abgesteckten Quadrate um, falls das Ersatzteil im Schlamm versunken ist. Aber nach vier Stunden Suche gebe ich auf. Völlig verschlammt und etwas in der Stimmung getrübt, ziehe ich zur nächsten Stelle. Das Teil war einfach unauffindbar! Zwar habe ich noch einen zweiten Kocher mit dabei, dieser lässt aber von der Leistung her zu wünschen übrig. Für den ein oder anderen mag das wahrscheinlich kein Problem darstellen. Aber als Essensliebhaber und leidenschaftlicher Koch am Wasser ist dies ein unangenehmer Begleiter bei noch mehr als vier vorliegenden Wochen. Egal, ab zur nächsten Stelle.

In drei Tagen dreimal gemoved, obwohl er sechs Wochen Zeit hat? Ja, denn das ist für mich Angeln. Je nach Gegebenheiten den Fischen zu folgen.
Die Taktik sollte die gleiche bleiben. An zwei Ruten montiere ich den bewährten Schneemann bestehend aus einem Selfmadeboilie und einem braunen Pop-Up. An der dritten Rute montiere ich einen Carp-Ball Pop-Up präsentiert am Hinged Stiff Rig. Ich lege die Ruten mit den Watstiefeln an den Stellen ab, an denen ich zuvor die Fische gesehen hatte. Angekommen bei der letzten Rute bleibe ich mit den Stiefeln im Schlamm hängen und ziehe mich mit voller Kraft heraus. Dabei spüre ich, dass Wasser in den Stiefel läuft und denke mir erstmal nichts dabei. Wieder mal die Wassertiefe falsch eingeschätzt. Doch beim Ausziehen entdecke ich das kleine Loch an der Naht. Na super: noch mehr als vier Wochen mit kaputtem Stiefel und auf Halbgas laufendem Kocher. Und mein Instinkt schreit auch wieder nach weiten Aussichten, und nicht nach einem 80 m breiten See, wie er gerade vor mir liegt. Nach einigen weiteren Fischen in den folgenden 48 Stunden an diesem Gewässer entscheide ich mich daher, die Stelle zu verlassen und an den nächsten See zu ziehen. Ich kann einige Fische bis 15 kg auf meiner Fangliste vermerken. Auch wenn der See viele große Fische beherbergt, möchte ich nicht auf diese warten. Da am Mittag ein schwerer Sturm aufziehen soll, beginne in den frühen Morgenstunden zu packen. Beim Packen steigt noch ein letzter Fisch auf den Carp-Ball ein. Ich nehme die Rute auf und spüre einen kampfstarken Gegner. Doch kurze Zeit später hängt der Fisch. Wie kann das sein? Ich habe schon viele Fische über dem Bereich gedrillt und hatte keine Probleme. Zum Glück steht die Falte noch neben dem Zelt. Ich ziehe diese ins Wasser und rudere über den Fisch. Nach einem kleinen Ruckeln ist die Montage wieder frei und ich kann frei drillen. Was soll ich sagen? Zum Abschluss schenkt mir das Gewässer noch einen seiner großen Fische. In dem Augenblick merke ich, dass ich endgültig dem Alltag entkommen bin. Nach fast zwei Wochen bin ich voll und ganz am Wasser angekommen.

Flexibel sein, das ist meine Strategie – je nach Gegebenheiten den Fischen zu folgen

Woche 3

Der Wetterbericht verheißt für die nächsten Tage nichts Gutes. Ein einkehrender Sturm und sieben Grad Temperaturunterschied sollen auf mich warten. Bei so viel Zeit im Gepäck habe ich kein Problem damit, diese Phase zu überwinden. Der neue See ist in knapp zwei Stunden Fahrt erreicht und wirkt paralysierend auf mich. Seine Einzigartigkeit durch die Wasserfarbe und die Bäume im Wasser zieht mich voll und ganz in seinen Bann. Der starke Windsturm scheint in diesem Augenblick völlig egal zu sein. Die Sachen sind schnell ausgeladen, und nach kurzer Zeit ist alles im Boot. Ich will angeln. Und das so schnell, wie es geht. Doch der Wind macht es mir schwer. Nur mit voller Motorleistung und zusätzlichem Paddeln komme ich vom Fleck. So dauert es fünf Stunden, bis ich eine geeignete Stelle mit einer fürs Frühjahr entsprechenden Wassertiefe finden kann. Doch die Stelle gefällt mir. Hätte ich doch nur früher gewusst, dass die Stelle mit dem Auto anfahrbar ist! Aber so ist es nun mal. Der See ist für mich unbekannt und nur mit Erfahrung oder Information von befreundeten Anglern lässt sich so ein Aufwand vermeiden. Doch diese helfen einem auch nicht, wenn die empfohlenen Stellen einem nicht gefallen. Und so wie ich bin, baue ich an keiner Stelle auf, die mir selber nicht gefällt. Dieses Mal dauert das Rutenlegen sehr lange. Der Wind macht es mir sehr schwer. Doch mithilfe des Motors kann ich alle Ruten sauber legen und baue mit gutem Gefühl das Zelt auf. Völlig übermüdet esse ich das frisch eingekaufte Fleisch ohne Beilage und falle in den Schlaf. Die Nacht verläuft ruhig. Nach einigen Stunden Schlaf werde ich von der Sonne geweckt. Von der vorhergesagten Temperaturschwankung ist nichts zu spüren. Ganz im Gegenteil. Wunderschönes Wetter mit ordentlichem Wind steht auf dem Tagesplan. Für das Gewässer gute Bedingungen, um den ein oder anderen Fisch abzugreifen. Als ich mittags die Sonne genieße und mit meiner Freundin Jasmin telefoniere, kriege ich den ersten Biss. Der Swinger geht hoch, bleibt stehen und die Spitze verbeugt sich bei komplett geschlossener Bremse. Obwohl ich in den letzten Wochen einige Fische gefangen habe, bin ich super aufgeregt und habe zittrige Knie. Ich pumpe den Fisch vom ersten Hindernis weg. Ich bleibe bewusst am Ufer, so habe ich mehr Kraft, um den Fisch zu halten. Doch dieser hat nicht viel dagegenzusetzen und ich kann ihn kurz darauf keschern. Ein kleiner, doch für mich an diesem Gewässer besonders bedeutsamer Fisch.

Es wird der einzige an diesem Gewässer bleiben. Am Abend ziehen Wolken auf und Regen bringt die kühle Luft mit sich. 9 Grad Temperatursturz in weniger als einer Stunde. Sowas hatte ich bisher noch nie erlebt. Zudem sollte am nächsten Nachmittag starker Wind mit über 100 km/h aufziehen, der sich über mehrere Tage zieht.

Da der Wind an diesem See die Möglichkeit hat, über lange Strecke zu beschleunigen, fahre ich am nächsten Morgen weiter. Dieses Mal fällt es mir sehr schwer. Bei dem Wind jedoch ist es sinnvoll! Außerdem sind die Bedingungen nur zehn Kilometer hinter dem Berg deutlich besser. Das Packen ist sehr angenehm, da ich mit dem Auto bis zum Zelt vorfahren kann. Nachdem ich alles beladen habe und nichtsahnend losfahren möchte, drehen die Reifen durch. Und das gerademal auf der Hälfte des 500 m langen Hügels. Also wieder runter rollen lassen, und noch einmal versuchen. Auch die zweite Runde bleibt erfolglos. Die nasse Wiese lässt das Hochfahren mit dem beladenen Auto einfach nicht zu. So auch der dritte, vierte und fünfte Versuch. Beim sechsten Versuch halte ich mich rechts auf dem etwas steinigeren Untergrund. Zwar gefährlich mit dem flach liegenden, völlig überladenen Auto, aber es bleibt meine einzige Option. Auch der Versuch scheitert. Beim siebten Versuch komme ich mit einem lauten Knall oben an. Ich bin mehrmals aufgesetzt und beim Fahren höre ich komische Geräusche. Aber jetzt nochmal alles ausladen, um an den Wagenheber zu kommen und das Auto zu checken? Das kann ich zum Glück umgehen. Zwei Deutsche, die in dem anderen Seearm sitzen, können mir aushelfen und ich kann Entwarnung geben. Ich kann weiterfahren. Zwar mit einer Abdeckung weniger, aber was solls! Danke an dieser Stelle nochmal an Marc!

Am vierten See will ich einen kurzen Abstecher machen. An den anderen Seen der Umgebung ist schlechtes Wetter angesagt, und ich sehne mich eher danach, meine Plauze in der Sonne schmoren zu lassen. Der Anblick bei der Ankunft ist eher etwas erschreckend. Kleine Gewässergröße, viele Zelte und ein Spaziergänger-Weg rund um den See. Nur ein Seeteil ist leer von Anglern. Somit fällt die Entscheidung leicht und ich setze mich in diesen Teil, ohne zu wissen, was mich erwartet. Keine Infos über die Wassertiefe, keine Infos über die aktuelle Lage, einfach Garnichts. Aber manchmal muss man einfach machen! Gute Fische habe ich eh schon auf dem Buckel – und dass, obwohl ich mir keine Ziele gesetzt habe. Somit war ich sehr entspannt. Bevor ich die Ruten legte, schmierte ich mir ein deftiges Baguette mit französischer Aioli, Salami, Käse, Zwiebeln, Salat und thailändischem Chillipulver. Und dazu noch ein hopfenhaltiges Getränk: köstlich! Die nächsten zwei Tage lasse ich die Seele baumeln und fange 2-3 Fische am Tag. Es geht mir so richtig gut. Fernab von den alltäglichen Verpflichtungen.

Als am dritten Tag heftiger Wind aufzieht, leert sich der See. Auch die Top-Stelle wird frei. Kaum einer traut sich bei dem Wind aufs Boot. Aber da ich mich einfach vom Wind 500 Meter zu der Stelle treiben lassen kann, probiere ich es. So komme ich mit vielleicht 10 Paddelschlägen total entspannt an meiner Wunschstelle an. Total verwundert begrüßt mich der Angler, der zuvor eingepackt hatte, und macht mir deutlich, dass man auf der Stelle bei so heftigem Wind nicht sitzen solle. Es sei ihnen zu gefährlich gewesen, wegen der einsturzgefährdeten Bäume. Nach kurzem Check ist mir aber klar, das Risiko gehe ich ein, da es mir nicht besonders hoch erscheint. Nach einem kurzen Gespräch nehme ich die vom Vorabend beköderten Ruten und schmeiße sie an die Uferkante, wo das Wasser ständig gegenprallt. Schaumkronen bilden sich und die Bissanzeiger hören nicht auf zu piepen. Perfekte Bedingungen! Hier wird’s knallen! Keine zehn Minuten später läuft die erste Rute ab. Der Wind ist so heftig, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Bei dem Versuch zu Keschern, fliegt der Kescher mehrere Male aus dem Wasser, obwohl er komplett eingetaucht war. Sowas gibt es doch nicht? Da liegt ein richtiges Brett vor mir und ich kann ihn nicht keschern. Nach mehreren Versuchen verzweifle ich. Zudem habe ich mir bei der Aktion die Schulter verdreht, weil ich den Kescher natürlich nicht loslassen möchte. Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, ist das Netz mit der Hand unters Wasser zu ziehen und den Fisch mit der anderen Hand ins Netz zu drücken. Wahnsinn! Aber es klappt. Da ist nach keiner halben Stunde angeln der erste 20 Kilo Fisch im Netz. Bis zum Abend fange ich auf diese Weise zwei weitere Fische mit guter Größe.

Bei dem Versuch zu Keschern, fliegt der Kescher mehrere Male aus dem Wasser – so einen heftigen Wind habe ich noch nie erlebt​

Eine unruhige Nacht mit viel Wind und Dauerpiepen. Der Bissanzeiger hindert mich am Schlaf, doch ich bin zum Angeln nach Frankreich gefahren. Ich möchte ein Abenteuer erleben, um Entspannung für die Seele zu erleben. Abstand vom Alltag nehmen und in die Welt eintauchen, die das aus mir macht, was ich sein möchte.      

Als der Wind abflacht, beginne ich die Stelle zu erkunden und entscheide mich dazu, die Ruten um den Spot herum zu werfen und mich auf die Kanten zu konzentrieren. Wenig Futter, weit gestreut und unauffällige Köder. Es kann manchmal so einfach sein.

Kurz nachdem alle Ruten gelegt sind, klingelt mein Handy und Patrick ist am Telefon. Er wolle in paar Tagen mit Michi und Max ebenfalls nach Frankreich an den See fahren. Nach fast drei Wochen alleine in Frankreich entschieden wir kurzerhand, ein paar Tage gemeinsam zu angeln. Wir hatten uns Jahre zuvor in Spanien kennengelernt und wie der Zufall es wollte, sollten sich unsere Wege in 5 Tagen wieder kreuzen.
An den nächsten Tagen kann ich jeden Tag mindestens zwei Fische fangen. Ein Massenfang sieht anders aus. Aber dafür stimmen die Gewichte. Ich bin sehr zufrieden. Doch auf einmal bleiben die Bissanzeiger still. Ich konnte erfolgreich ziehende Fische abfangen, aber der Plan muss erneuert werden.

Woche 4

Die wichtigsten Stunden sind für mich die Abendstunden. Oft sitze ich stundenlang am Wasser, ohne Radio, ohne Buch und ohne Telefon. Ich sitze da und versuche zu hören, was das Gewässer mir verraten möchte. Ich versuche, das Wasser zu lesen. Mit allen Indizien, die es mir zur Verfügung stellt. Und rollende Fische können einem viel verraten. So ist mir in den letzten Tagen aufgefallen, dass sich immer wieder große Fische an einer Stelle in etwa 150 m Entfernung gezeigt haben. Eine auffällige Struktur kann ich aber unter Wasser leider nicht finden. Doch ich lege eine Rute ins Nichts und versuche, der Sache auf den Grund zu gehen.

Boom! In der ersten Nacht steigt der erste Fisch ein. Und direkt ein 20 Kilo plus. Mit völliger Euphorie fahre ich den per GPS abgespeicherten Platz wieder an und will die Rute legen. Durch den Wind treibe ich leicht ab und dabei fällt mir etwas auf. Eine kleine Kante von 30 cm Tiefenunterschied. Mitten im Nichts. Und das 5 Meter von meinem abgespeicherten Platz entfernt. Das ist das, wonach ich gesucht habe. Hier kommt die Rute hin. Und es läuft und läuft und läuft. Der Platz beschert mir jede Nacht aufs Neue gute und schöne Fische. Manchmal kann es so einfach sein.

Es läuft und läuft und läuft. Eine kleine Kante im Nichts beschert mir Fische am laufenden Band. Manchmal kann es so einfach sein

Die letzten Tage alleine vergehen wie im Flug. Ich genieße die Natur, und versuche so wenig Zeit wie möglich am Handy zu verbringen. Einfach Abstand gewinnen und nichts anderes tun, außer zu angeln. Nachdem ich mich die ersten Tage etwas alleine gefühlt habe, komme ich jetzt sehr gut klar. Trotzdem freue ich mich sehr, als die Kollegen in den frühen Morgenstunden anreisen.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und viel Plauderei werden die Ruten gelegt. Zu viert an einer Stelle zu angeln ist mit Sicherheit nicht das Produktivste, aber für den Beginn wollten wir es probieren. Nachdem alle Ruten auf den unterschiedlichsten Plätzen verteilt sind, gönnen wir uns das ein oder andere Kaltgetränk. Ein so herzliches Miteinander durfte ich selten vorher erleben. Wir haben reichlich Spaß und verstehen uns auf Anhieb. Doch die Fische zeigen sich nur an einem Spot. Immer nur an der kleinen Kante inmitten des Sees. Alle anderen Ruten zeigen keinerlei Aktion. Also entscheiden wir uns, uns aufzuteilen. Wir bleiben zu zweit an dem Platz, und Patrick/Michi probieren es in einem anderen Arm.

14 Uhr: Ich lasse die Sonne auf mich wirken. Wir haben warme Temperaturen und der Himmel ist klar. Nach fast vier Wochen Abenteuer liege ich nur da, und mache seit Tagen nichts anderes, als Fische zu fangen und gut zu Essen. Der Platz im Freiwasser bringt dauerhaft Fische. Aber in diesem Moment entscheide ich, den See zu verlassen – auch wenn es Spaß macht, Fische abzuschöpfen. Erfolg misst sich für mich nicht in Zahlen, sondern im persönlichen Glück. Und das sagt mir: Ich habe Lust auf Neues!

Ich möchte verschiedenste Gewässer kennenlernen, Eindrücke sammeln und die Vielfalt auf mich wirken lassen – Erfolg misst sich für mich nicht nur an der Anzahl gefangener Fische

Woche 5 und 6

Kurz nachdem ich mich entschieden habe, den See zu verlassen, kriege ich völlig untypisch mitten am Tag einen Lauf. Bei strahlendem Sonnenschein drille ich einen ordentlichen Fisch vom Boot aus. Was am anderen Ende hängt, sollte ich in dem Augenblick noch nicht ahnen. Klar liebe ich große Fische. Wer denn nicht? Aber ich bin ein absoluter Fan von Zeilenkarpfen. Und damit meine ich keine Fische mit zufälliger Schuppenanordnung an der Flanke. Für mich ist nur ein perfekter Zip Zeiler ein richtiger Zeiler. Und so einen hatte ich noch nie gefangen. Zumindest keinen über 10 Kilo. Als mir bewusstwird, was gerade passiert ist, steigen die Emotionen in mir hoch. Ein perfekter Zeilenkarpfen über 15 Kilo liegt vor mir im Netz. Für mich das Maximum. Kein Fisch zuvor hat mich bisher so glücklich gemacht.

Der restliche Tag verläuft wie in Trance. Kurz darauf kann ich noch einen ordentlichen Spiegler verhaften, den nur paar Tage zuvor Marc fangen konnte. Zwei Fische über Tag, und was für welche!

 

Ein wunderbarer Abschluss. Am nächsten Tag verlasse ich den See und kann auf eine super Zeit zurückblicken. Dass dies die letzten fischreichen Tage bei diesem Trip waren, weiß ich in diesem Moment noch nicht. Und hätte ich es gewusst, hätte ich den See trotzdem verlassen. Denn Abenteuer ist für mich, Neues zu erleben! In den nächsten zwei Wochen lerne ich mit Daniel acht neue Gewässer kennen. Nachdem am Anfang alles so einfach schien, fällt mir in den nächsten zwei Wochen alles sehr schwer. Die Fische wollen nicht beißen, aber ich mache das, was ich möchte: Ich folge meinem Abenteuer. Und das heißt nicht immer dort zu Angeln, wo die dicken Fische zu fangen sind. In diesem Sinne: Tight Lines und ich hoffe wir sehen uns am Wasser.