Je steiniger der Weg, desto wertvoller das Ziel.

Von Benjamin Loidolt

9 Minuten Lesezeit

Im vorletzten Winter verbrachte ich sehr viel Zeit damit, mir Gedanken zu machen, welches Abenteuer ich 2019 auf mich nehmen soll. Lange überlegte ich mir, ein Jahr voller Reisen an neuen unberührten Gewässern zu verbringen, die Flüsse im Ausland zu erkunden und mich neuen Herausforderungen zu stellen. Doch da im Juni meine Tochter das Licht der Welt erblicken würde, waren meine Prioritäten schnell klar und Zeit mit ihr zu verbringen, war mir einfach zu wichtig. Also musste ein Gewässer gefunden werden, das von zu Hause aus schnell erreichbar ist. Ich wollte aber nicht ein klassisches Vereinsgewässer wählen, von denen wir im Raum Wien ohnehin genügend haben. 

twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 25 - Je steiniger der Weg
twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 34 - Je steiniger der Weg

Wenn, dann sollte es ein atemberaubendes Wasser sein, eines, bei dem nicht jeder schon jeden Karpfen kennt, eines, an dem nicht schon die halbe Szene Nächte über Nächte verbrachte. Ein Gewässer, wie man es aus den alten englischen Büchern kennt. Ich hatte da einen guten alten Freund noch im Gedächtnis, der mir sofort eingefallen ist, als ich so vor mich hingeträumt habe und mir schon die schönsten Fänge im Kopf ausgemalt habe. Also kontaktierte ich ihn ein paar Tage darauf. Ich hatte nicht viel Hoffnung, an diesen alten urigen Lake ranzukommen, da die Angler, die dort fischen dürfen, dies seit Jahren schon tun und niemals ihre Karte zurückgeben würden.

"Ein neues Gewässer muss her, an dem nicht bereits die halbe Karpfenszene gefischt hat!"

Trotzdem probierte ich es und kontaktierte meinen alten Freund. Ich weiß bis heute nicht, welches Wunder geschehen ist aber er teilte mir mit, dass ab dem Jahr 2019 eine Parzelle frei wird und er sich vorstellen könnte, einen Angler wie mich an seinem Gewässer fischen zu lassen. Wir waren uns schnell einig und ich konnte schon bald mein Abenteuer 2019 beginnen. Der sogenannte ,,Forest Lake‘‘ ist so manchen Anglern aus Österreich als Beauty Lake bekannt. Urgesteine aus England wie Simon Crow oder der bekannte Österreicher Kurt Grabmayer haben dort schon vor mehr als 30 Jahren den einen oder anderen Riesen gefangen.

So konnte für mich im März des letzten Jahres meine erste Session starten. Als ich das erste Mal meine Runden mit dem Echolot drehte, konnte ich fast nicht glauben, welches atemberaubende, naturbelassene Areal rings um mich war. Da war eine Rotte von Wildschweinen, die gerade das vom Tau saftig grüne Gras aßen, ein Graureiher stampfte durch den Schilfgürtel und die ersten goldenen Sonnenstrahlen funkelten. Die von einem Bieber gefällten Bäume, die über die Uferränder ragten, waren mit einigen Eisvögeln in ihren glitzernden blauen Federkleidern geziert. Ein Moment, der das Herz jeden Anglers höher schlagen lässt.

twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 34 - Je steiniger der Weg

Schnell waren zwei ganz gute Spots unter Wasser gefunden, aber wirklich viele versprechende Spots gibt es in meiner Hälfte des Lakes nicht. Eine Schotterzunge, die sich ca. 40 Meter vom Ufer aus in den See zieht und an beiden Seiten steil auf 5 Meter abfällt, sowie eine Schotterbank, die sich in der Mitte des Gewässers befindet, liegen geradeaus vor meinem Platz. Dreikantmuscheln und Laichkraut schmücken diese. Meine Taktik, die ich mir vorgenommen hatte, um schnell an die Fische im Frühjahr zu kommen, ist nicht wirklich etwas Besonderes, aber effektiv, wie ich in den letzten Jahren feststellen konnte. 

Ich setze gerne auf die Solar Candy-Floss Boilies in 15 mm, die ich mit Club-Mix Boilies mische. Dazu gebe ich unseren bekannten Up and Down Mix dazu. Das Ganze vermenge ich in einem Kübel mit einer Dose Süß-Mais und gebe etwas Wasser aus dem See hinzu. Ich fütterte diesen Mix einige Tage lang an beiden Spots vor und konnte es schon nicht mehr erwarten, meine erste Nacht an dem neuen Gewässer zu machen.

twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 28 - Je steiniger der Weg

"Meine erste Session am Forest Lake ist vorbereitet. Ob meine bewährte Frühjahres-Taktik den schnellen Erfolg bringt?"

An dem ersten Wochenende, an dem es für mich raus ging, waren die Temperaturen für Ende März/Anfang April relativ warm mit um die 20 Grad tagsüber und nachts hatte es auch gute 10 Grad. Aber wie es so oft ist, gefällt dieses ,,Kaiserwetter‘‘ uns Fischern mehr als den Karpfen und so blieb meine erste Session vom Wetter her strahlend schön, aber mit Karpfen sah es eher schlecht aus.

Futter lag teilweise noch auf den erhofften guten Plätzen und die schuppigen Tiere zeigten sich auch kaum durch rollen oder springen. Ich war aber nicht untätig in diesen Tagen und erkundete das Gewässer weiter mit dem Boot. Schnell konnte ich etwas feststellen, das mich zum Nachdenken brachte. In einem Teil des Sees gab es viele alte, morsche Bäume, die im Wasser lagen. Weit reichten die Äste in das Wasser und dort standen auch die Karpfen in Reih und Glied. Ich durfte wohl ihre Winterbehausung und ihre Burgen gefunden haben. Dort hin zu angeln, wäre vielleicht für den ersten erhofften Karpfen der richtige Weg gewesen, aber dieser Angler bin ich nicht. Ich möchte mir – und das schon immer – meine Karpfen erarbeiten. Es gehört für mich einfach mehr dazu, als einfach in das ,,Wohnzimmer‘‘ der Fische zu angeln.

So entschloss ich bei meinem nächsten Ansitz, bei der Futtertaktik zu bleiben und die Schotterbank mit zwei Ruten zu belegen. Die dritte Rute sollte mir zum Springen dienen. Mit Springen meine ich alle paar Stunden die Stelle zu wechseln und wirklich nur eine Handvoll Baits darüber zu füttern. Der Gedanke dahinter war, dass ich vermutete, dass einzelne Karpfen auf der Suche nach Futter Ufernah ihre Runden ziehen würden. Ich befischte bevorzugt die Uferränder vor meinem Platz. Dort fällt es sehr schnell steil auf 6 Meter ab. Diese Entscheidung sollte sich in meiner zweiten Session des Jahres als Goldrichtig herausstellen. Die Ruten wurden noch einmal neu gefahren und die Plätze mit Futter versorgt, so war ich bereit in die erste Nacht der Session zu starten.

twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 17 - Je steiniger der Weg
twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 34 - Je steiniger der Weg

Ich kann mich noch ganz genau erinnern, ich hörte einen Rehbock, wie er seine Brunftlaute durch den Wald brüllte und wurde von diesen seltsamen Geräuschen früh morgens wach als plötzlich mein ECU Bissanzeiger loskreischte und meine Spule in einen Fullrun ablief. Schnell in die Crocs geschlüpft und raus zur Rute. Mein treuer Begleiter stand schon im Boot und wartete angespannt und schwanzwedelnd auf mich.

Die Rute schnell aufgenommen und rein ins Boot. Nach einem harten Drill und versuchten Fluchten vor dem Kescherrand konnte ich meinen ersten Karpfen 2019 fangen. Die Erleichterung fiel mir wie eine große Last vom Rücken.

"Die Erleichterung war riesig, als ich den ersten Karpfen aus diesem Gewässer landen konnte!"

Schnell wurden einige Aufnahmen gemacht und der Fisch versorgt. Mich juckte es in den Fingern, die Rute so schnell wie möglich wieder ins Rennen zu bringen und sie wieder an den scheinbar laufenden Spot zu legen. Doch es sollte anders kommen als erhofft und ich habe wieder etwas an diesem tückischen Gewässer lernen müssen. Am restlichen Wochenende blieben die Bissanzeiger leider stumm. Ich kontrollierte am Sonntag kurz vor der Heimreise nochmal die Plätze unter Wasser, ob noch Futter vorhanden war und zu meinem Erstaunen lagen an allen drei Spots noch reichlich Baits. Diese Erfahrung ließ mir keine Ruhe und ich überlegte mir in den nächsten Wochen, woran es liegen könnte, dass sich die Fische an meinen Spots zwar aufhielten, aber der Platz nach einem gefangenen Fisch schon nicht mehr interessant für sie zu sein scheint. Bei meinem nächsten Ansitz drehte ich meine Taktik komplett um, fischte alle drei Ruten nur an der steil abfallenden Uferkante und fütterte nur 20 mm Club-Mix Boilies.

Die Ruten legte ich allerdings etwas abwärts von den gefütterten Plätzen ab. Auffällige Köder wie 14 mm Candyfloss und Top-Banana Pop-Ups präsentierte ich am Ronnie Rig.

Der Plan sollte schneller aufgehen als gedacht – und wie! Schon in der Dämmerung lief die erste Rute, die ich direkt vor meinen Füßen ausgelegt habe, ab. Mein Glück konnte ich nicht fassen als der erste wunderschöne goldene Beauty Karpfen in meinen Händen bei jedem Blitz der Kamera aufleuchtete. Ich glaube nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage, dass sich dieser Ansitz als Traum-Session herausstellte. Denn ich konnte in dieser Nacht noch zwei weitere Karpfen ablichten. Es waren jetzt nicht die Riesen, aber für mich zählt das Erlebte und das Erarbeiten eines jeden einzelnen Karpfens. Bei solchen Fischen spielt das Gewicht meiner Meinung nach nur eine Nebenrolle.

"Für mich zählt das Erarbeiten eines jeden einzelnen Karpfens. Das macht eine Traum-Session für mich aus"

Meine Glückssträhne schien auch am nächsten Tag nicht abzureißen. Gleich am frühen Morgen als die ersten Sonnenstrahlen durch die Äste der Bäume funkelten und sich der Hochnebel legte, lief meine rechte Rute ab, die ich zuvor vor einem Krautfeld platzierte. In einer Tiefe von ca. 1,5 Meter konnte ich gut die Zugroute der Fische sehen. Genau dort lag sie und wurde zur Falle für diesen makellosen Ausnahme-Karpfen.

Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass an diesem See alles anders läuft als an anderen Gewässern. Hier setzt du nicht auf Futterplätze, die über Monate unter Futter stehen, da sie dir nicht unbedingt Karpfen bringen. Schneller zum Erfolg bin ich gekommen, wenn ich nicht vorgefüttert habe. Einfach direkt am Tag des Angelns gute überschaubare Plätze wie Rosenfelder, Krautkanten, überstehende Äste am Ufer suchen, die Rute präzise ablegen und warten, bis der eine Traumkarpfen sich verirrt. Lernen musste ich auch, dass es in diesem See nicht einfach ist, zwei oder drei Fische an demselben Spot zu fangen, an dem man gerade einen Schuppenträger abräumen konnte. 

twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 34 - Je steiniger der Weg

Es ist meine Erfahrung, dass es Gewässer gibt, an denen die Karpfen Futterplätze einfach meiden. Sei es der Druck, den die Angler auf unsere Freunde ausüben oder einfach die Erfahrung, die sie gemacht haben. Natürlich spielt das Vorkommen natürlicher Nahrung auch eine große Rolle. Fakt ist, dass oft ein Umdenken und Ausprobieren – egal wie steinig der Weg auch ist – jemanden ans wertvolle Ziel bringen kann.

twelvefeet ausgabe21 benjaminloidolt 30 683x1024 - Je steiniger der Weg

"Wenn Futterplätze nicht zum erhofften Erfolg führen, muss ein Umdenken her, um zum Ziel zu kommen!"

Nach der kleinen Baby-Pause im Juni und Juli 2019, die ich zu Hause in vollen Zügen genossen habe, ging es mit den Fängen eigentlich den Rest des Jahres weiter. Ich musste zwar – auch wenn ich glaubte, den Dreh eigentlich heraus zu haben – die eine oder andere Niederlage einstecken, trotzdem waren doppelte Fänge wie dieser Ü20 Karpfen, den ich in kurzer Zeit zweimal überlisten konnte, ein Highlight. Unzählige wunderschöne Karpfen waren in diesem Jahr für mich dabei.

Man sollte nie aufgeben, wenn es einmal nicht so läuft, wie man es sich manchmal erhofft. Für mich zählt draußen zu sein, mit der Natur eins zu werden, den Moment zu genießen, sich einfach wohl zu fühlen und es sind diese wunderbaren Erlebnisse, die ich gerne mit euch teilen möchte.