Ein Artikel von Julian Paetzold

Was sind Gewichte wirklich wert?

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12 Minuten Lesezeit
20 Kilo, 30 Kilo ja sogar 40 oder 45 Kilo, das sind die Zahlen, die scheinbar die Welt für uns Karpfenangler bedeuten. Aber ist das wirklich so? Ist unser Hobby wirklich zu einer reinen mathematischen Gleichung verkommen, bei der sich der Wert eines Fisches an der Zahl auf der Waage bemisst? In den folgenden Zeilen möchte ich euch meine ganze persönliche Sicht auf die Dinge und die gewichtigen Zahlen schildern!
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Wie einst alles Begann

Es ist kurz nach 6 Uhr an einem nebligen Morgen im April, die Sonne kämpft sich allmählich durch die schleirigen Wolken der Nacht und lässt den Himmel in satten warmen Tönen erstrahlen. Die Vögel zwitschern aus den immer mehr austreibenden, grell grün gefärbten Büschen und ich liege gerade zusammengekauert in meinem 3 Season Schlafsack, der für diese Jahreszeit doch eigentlich noch viel zu dünn ist. Plötzlich durchbricht ein einzelner Ton, ein lilafarbenes Leuchten, ein zartes Knacken der Rolle und ein anschließender schriller, fast fremd wirkender Dauerton die Klänge der erwachenden Natur. Ein wenig benommen aufgrund des doch recht wenigen Schlafs und völlig überrascht springe ich aus meinem kleinen Schirmzelt und renne zu meinen Ruten. Im herrlichsten Sonnenaufgang hat sich tatsächlich mein rechter Bissanzeiger gemeldet und ehe ich so recht zu mir kam, stand ich bereits mit der Wathose und der Rute in der Hand hüfthoch im Wasser.

Dieses Bild, diese Erinnerung und vor allem die Gefühle trage ich noch heute mit mir herum. Es war der Morgen, an dem ich meinen ersten Karpfen über der damals für mich magischen 30 Pfund Marke fangen sollte, einen Fisch, den ich zudem bereits auf vielen Bildern gesehen und insgeheim auch gejagt hatte. Damals traute ich es mir allerdings bei weitem noch nicht zu, einen solchen Fisch als sogenannten „Zielfisch“ auszugeben, geschweige denn von dessen Fang zu träumen.

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Den Fang meines ersten 30-Pfund Karpfens werde ich niemals vergessen! Die Erinnerungen und Gefühle an diesen Moment sind einfach etwas ganz besonderes!

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Nun lag er also da, auf meiner kleinen, viel zu dünnen und eigentlich völlig ungeeigneten Abhakmatte. Der Fisch, der mir in den folgenden Wochen so viel Freude und Leid bereiten sollte. Jeder von euch kann sich sicherlich vorstellen, mit welch zittrigen Armen und mit welcher Freude ich die anschließenden Fotos schoss, um den Fisch schnellstmöglich wieder in sein Element zu entlassen. Mit den Worten „mach´s gut, Bruno“ – so wurde der Fisch damals genannt – verabschiedete ich mich voller Endorphine von dem alten Tier und packte anschließend sofort mein Tackle zusammen. Noch auf dem Weg zum Auto rief ich direkt einige meiner Freunde an, um ihnen in überschwänglicher Freude von meinem Fang zu berichten. Selbstverständlich landete auch wenige Stunden später das erste Foto auf Facebook & Co. Doch was ich dann erlebte, trübte meine Freude und mein eigentliches Glücksgefühl unheimlich! Neben Kommentaren wie „was freust du dich denn über so einen Gummern“, „da macht der einen Aufriss wegen eines 15 Kilo Fisches“ und „neuer Weltrekord incoming xD“ fanden sich natürlich auch ehrliche freundliche Worte und Glückwünsche. Scheinbar schien allerdings der persönliche Wert eines Fangs und die Freude, die man darüber haben kann, für einige Menschen tatsächlich nur am Ausschlag des Zeigers gemessen zu werden?

Die folgenden Wochen verbrachte ich aufgrund von anstehenden Prüfungen am Schreibtisch mit Lernen. Der Angelei kehrte ich zunächst den Rücken, auch weil mich der Gedanke über dieses „Gewichtehaschen“ nicht losließ! Natürlich war meine Freude auch von der Tatsache getrieben, dass es bis dato mein mit Abstand größter Fang war, doch verband ich mit diesem Fang auch weiterhin das gesamte Erlebnis und insbesondere auch den Umstand, dass ich sogar meinen ersten „Zielfisch“ vor wenigen Tagen abgelichtet hatte.

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Die Jagd nach den Erinnerungen, oder doch nach den Gewichten?

Die Jahre vergingen nur so wie im Fluge und sowohl privat, beruflich als auch anglerisch ergaben sich neue Situationen in meinem Leben. An den Fang meines ersten „Dreißigers“ dachte ich oft zurück, wenngleich auch bereits deutlich größere Fische den Weg in meinen Kescher fanden. Mittlerweile hatte ich eine wachsende Sympathie für die „englische Karpfenangelei“ entwickelt und auch mein Vorgehen, meine Rigs und Köderauswahl entsprechend angepasst. Mich faszinierten einfach die unglaubliche Detailliebe und der schier nicht endende Perfektionismus dieser Szene. Was mich allerdings besonders beeindruckte war die Qualität der Bilder, die einige englische Magazine, Social Media-Accounts und Firmen publizierten. Diese Bilder hielten mich oft gefangen und verleiteten immer wieder zum Betrachten, denn oftmals konnte man diesen Momentaufnahmen so viel mehr entnehmen, als nur die Präsentation eines gefangenen Fisches. Die Bilder vermittelten eine besondere teils mystische Atmosphäre und ließen mich oftmals genau diesen Moment nachempfinden. Beim genaueren Betrachten fiel mir allerdings auf, dass ich Fische auf den Fotos im „englischen Stil“ immer deutlich kleiner schätzte, als diese tatsächlich waren. Wie sich nachträglich herausstellen sollte, lag dies insbesondere an der Brennweite von 50 mm oder gar 65 mm, die damals bereits viele Angler auf der Insel für ihre Fangbilder verwendeten. Aus Deutschland war ich zumeist von „vorgehaltenen“ 18 mm Aufnahmen verwöhnt und daher ein wenig von der Realität abgekommen. Aber wieso fotografierten diese Angler ihre Fische so, dass sie – in meinen Augen damals – möglichst klein wirkten? Wollte man nicht das „Maximum“ aus einem gefangenen Fisch rausholen? Außerdem beschäftigte mich die Frage, warum man auf der Insel grundsätzlich nahezu jeden Fisch – und sei er noch so klein – ablichtete. Ein solches Vorgehen war ich aus Deutschland zumindest von vielen Anglern nicht gewöhnt.
All diese Gedanken kreisten für einige Zeit in meinem Kopf bis ich tatsächlich für mich persönlich die Lösung fand. Vielen dieser Angler ging es schlicht und ergreifend darum, die Erinnerungen festzuhalten, stimmungsvolle Bilder zu machen und nicht nur um den Fang gewichtiger Karpfen. Jeder Fang brachte eine ganz besondere Erinnerung, eine spezielle Situation oder eine tolle Kulisse mit sich und war daher auf seine Art besonders. Wenn man zudem noch dazu in der Lage war, mit der Kamera diese Umstände entsprechend festzuhalten, dann war das „typische englische“ Foto perfekt. In erster Linie stand in meinen Augen also der Realismus im Vordergrund und nicht der Versuch den Fisch möglichst gewichtsoptimiert zu präsentieren.
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Bei einem Fangbild geht es in meinen Augen darum, den Augenblick wiederzugeben. Den Fisch möglichst gewichtsoptimiert zu präsentieren, ist für mich zweitranging!

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In Anlehnung daran versuchte ich auch meinen eigenen Stil zu finden, soweit dies meine Skills und meine Kameraausrüstung zuließen. Nach und nach stockte ich dazu meine Objektivsammlung auf und verbesserte meine Kameraausrüstung. Schlussendlich bin ich auch bei der 50 mm Fotografie hängengeblieben, da mir dieser Stil tatsächlich einfach am besten gefällt. Ehrlicherweise achte ich mittlerweile viel mehr darauf, dass mir der Gesamteindruck des Bildes gefällt, anstatt zu versuchen, den Fisch möglichst groß und mächtig aussehen zu lassen.

An dieser Stelle sei gesagt, dass es durchaus viele tolle und wirklich bemerkenswerte Bilder gibt, die in völlig anderen Stilen fotografiert und bearbeitet sind. Jedes dieser Bilder verdient daher auch meinen größten Respekt. Die Schönheit eines Bildes liegt einfach immer im Auge des Betrachters.

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Der Fuffi, der am Ende ein dreißiger war

Nachdem ich mit meiner Fotografie bzw. dem Gewichtswahnsinn im Reinen war, konnte ich mich auch wieder voll und ganz auf meine eigene Angelei und die Erlebnisse am Wasser konzentrieren. Dennoch sollte mich das Thema Gewicht und „Wertigkeit“ eines gefangenen Fisches nach vielen Jahren ein weiteres Mal einholen.

Nachdem meine Frau und ich uns vergangenes Jahr das „Jawort“ gaben, planten wir im Anschluss an die Feierlichkeiten einen Teil unserer Flitterwochen am Wasser zu verbringen. Als Ziel hatten wir dafür einen nicht allzu großen See in Südfrankreich ausgemacht, der nachweislich einige absolute Ausnahmefische beherbergte. Bereits im Vorfeld der Tour sprach ich mit Freunden über die Gegebenheit und Regelungen vor Ort, um bestens vorbereitet zu sein. Natürlich bekam ich dabei auch einige Bilder von interessanten und teils wirklich urigen Fischen zu Gesicht. Doch ein Fisch hatte es mir ganz besonders angetan! Ein kugelrunder alter Spiegler mit einer einzelnen dunklen Schuppe auf der Seite. Mehreren bestätigten Berichten zur Folge sah dieser Fisch nicht nur atemberaubend aus, er war sogar über 25 Kilo schwer! Diese Information hatte ich bereits unabhängig von mehreren Freunden und bekannten Anglern erhalten. Auch die Fotos, die ich von diesem Tier gesehen hatte, spiegelten diese Angaben deutlich wider.

Voller Vorfreunde, jedoch ohne große Erwartungen, machten wir uns nach einer tollen Hochzeitsfeier auf den Weg gen Süden. Für uns stand in erster Linie die gemeinsame Zeit im Vordergrund und so ließen wir uns auch nicht hetzten und erreichten das Zielgewässer erst mit dem letzten Sonnlicht. Schnell noch das Boot beladen und zum anvisierten Angelplatz übergesetzt, hieß es dann im Anschluss auch direkt ab ins Nest. Die Fahrt hatte uns merklich Kräfte geraubt und so verzichtete ich zunächst darauf, meine Ruten auszubringen. Mitten in der Nacht packte mich dann jedoch der Ehrgeiz und ich raffte mich auf, doch zwei Ruten zu verteilen. Nachträglich sollte sich herausstellen, dass dies nicht die schlechteste Entscheidung war, denn mit dem ersten Sonnenlicht konnten wir tatsächlich einen kampfstarken Schuppi ablichten. Weitere Fische gleicher Größe und unterschiedlichster Formen sollten in den kommenden Tagen folgen und wir genossen die ruhige gemeinsame Zeit am Wasser. Für einige Tagen waren wir wirklich ganz allein am See und sahen keine Menschenseele. Genau diese Art von Urlaub hatten wir uns erhofft, einfach mal alle Viere gerade sein lassen und die ersten Tage als frisch verheiratetes Ehepaar genießen.

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Für einige Tage waren wir ganz alleine am See – abgesehen von einigen Fische, die den Weg in unseren Kescher gefunden haben

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Am vorletzten Tag vor unserer Abreise in Richtung Wellness-Hotel fiel mir tatsächlich noch einmal das Bild dieses gigantischen Spieglers in die Hände. Bisher hatten wir einige tolle Fische landen können und eine wundervolle Zeit erlebt, doch ein Fisch dieser Klasse würde die Session zweifelsfrei krönen. Von der Hoffnung auf einen solchen Ausnahmefisch getrieben, platzierte ich meine Ruten in der abendlichen Dämmerung erneut auf den auserkorenen Plätzen und verteilte nochmal großflächig einige Kilo BFM Krill & Cranberry Freezerbaits und Black Tigernuts. Nun mögen einige von euch beim Lesen dieses Satzes bereits ahnen was passierte…! Tatsächlich bekam ich gegen 03:00 Uhr einen brachialen Biss und landete in der Folge erneut einen Kampfstarken Schuppi. Nein, ich fing in dieser Nacht nicht den erhofften Spiegler mit über 50 Pfund. Dennoch war ich mehr als zufrieden, dass wir kontinuierlich Bisse bekamen. Mit Blick darauf, dass mir zum Zeitpunkt der morgendlichen Fotosession noch maximal 24 Stunden Angelzeit blieben, machte ich mir ehrlich gesagt keine großen Hoffnungen darauf, noch einen der Topfische des Sees überlisten zu können. Dennoch landeten nochmal gut 5 Kilo Futter auf den Spots, denn die Hoffnung stirbt bekanntlich ja zuletzt.

Wir genossen den letzten Tag am Wasser in vollen Zügen und ließen den Abend mit einer Flasche Wein und gutem Essen ausklingen. Bereits gegen 21 Uhr verkrochen wir uns in unsere Schlafsäcke und versuchten, uns mit reichlich Schlaf auf die anstrengende Rückfahrt vorzubereiten. Die Fische unterstützten uns dabei bestens und wir schliefen tatsächlich bis ca. 05:00 Uhr völlig entspannt durch. Dann wurden wir allerdings umso hektischer geweckt! Vollrun auf der rechten Rute! Der Fisch fühlte sich bereits in den ersten Minuten des Drills ganz anders an als alle bisherigen Karpfen aus diesem See, irgendwie viel ruhiger und behäbiger, dafür aber umso kräftiger. Harte Schläge in der Rute ließen mich zunächst ein Waller am anderen Ende der Schnur vermuten, doch ich sollte mich täuschen. 

Als der Fisch das erste Mal die Oberfläche durchbrach, konnte ich leider aufgrund der Dunkelheit noch nicht genau erkennen, um was es sich da handelt. Klar war nur, es ist definitiv kein Wels. Mit der eingeschalteten Kopflampe bewaffnet, arbeite ich mich im hüfthohen Wasser in Richtung des wütend schlagenden Konkurrenten vor. Glücklicherweise war meine Frau mittlerweile auch erwacht und wartete zu diesem Zeitpunkt noch gespannt am Ufer. Je näher ich dem nun an der Oberfläche liegenden Fisch kam, umso zittriger wurde meine Knie. Sollte es wirklich passiert sein? Sollte ich wirklich einen der Topfische am Band haben? Ich wollte zu diesem Zeitpunkt nicht darüber nachdenken und versuchte, die Gedanken zu verdrängen und irgendwie das Keschernetz unter den Fisch zu bugsieren, leider immer wieder vergebens. Ich hatte in der Dunkelheit nicht bemerkt, dass sich in meinem Kescher ein kleiner Ast verfangen hatte, der das Netz derart verheddert hatte, dass es schlicht unmöglich war, den Fisch in den Kescher zu bekommen. Nach dem dritten Fehlversucht konnte sich meine Frau meine verzweifelten Versuche nicht mehr mit ansehen und sprang kurzerhand beherzt barfuß ins Krebsverseuchte Wasser, um mir zur Hilfe zu eilen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Sie eine absolute Abneigung gegen die kleinen Krustentiere hat. Gemeinsam gelang es uns – nachdem wir den Kescher vom Unrat befreit hatten – den Fisch zu keschern. Der anschließende Blick brachte dann die Gewissheit. Wir hatten tatsächlich einen kräftigen Spiegler im Netz und im Schein der Kopflampe war anhand des gewaltigen Nackens auch nur eine Schlussfolgerung möglich. Wir hatten gerade den Zielfisch, den vermeintlichen „Fuffi“ im Netz.

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Da ist er. Unser Zielfisch. Gemeinsam gekeschert.

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Zurück am Ufer konnte ich mir einen lauten Freudenschrei wahrlich nicht verkneifen und packte den Fisch für einige Minuten behutsam in die Schlinge. Im ersten Sonnenlicht wollten wir ein paar Fotos schießen und anschließend zusammenpacken. Ich konnte es kaum erwarten, den Fisch an die Waage zu hängen und bei Tageslicht zu betrachten. Doch was dann geschah, als es so weit war, brachte mich wahrlich erneut ins Grübeln! Zweifelsfrei hatten wir den Zielfisch gefangen, die große Schuppe auf der Seite, der Kopf und auch die Flossen ließen keine Zweifel aufkommen. Doch beim Anhängen der Schlinge an die Waage kamen deutliche Zweifel auf, dass es sich hierbei wirklich um einen „Fuffi“ handelte. Das Zifferblatt brachte dann Gewissheit… 18,7 Kilo! Ich traute zunächst weder meinen Augen noch der Waage und starte die gesamte Prozedur noch einmal von vorne. Schlinge wieder runter und wieder an die geeichte Waage gehängt. Doch wie man es vermuten mag blieb das Ergebnis gleich. Der vermeintliche 50er war nun „nur“ noch ein guter 30er.

Unbeirrt von den fehlenden Kilos schossen wir dennoch ein paar schöne Bilder und entließen den urigen Fisch wieder in sein Element. Die Sonne kletterte langsam immer höher am Horizont und nach einem letzten Kaffee entschieden wir uns, unsere Reise in Richtung Wellness-Hotel anzutreten. Glücklich, aber irgendwie doch nachdenklich war das Tackle recht schnell im Auto verstaut und wir nun auf dem Weg zur zweiten Etappe unserer Flitterwochen.

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Was sind Gewichte wirklich wert?

Mit ein paar tollen Aufnahmen im Gepäck saß ich nachdenklich auf dem Beifahrersitz, während meine Frau uns in Richtung der nächsten Raststätte manövrierte. Irgendwas bedrückte mich, das war auch ihr nicht entgangen und so kam nach wenigen Kilometern ein für mich eindrücklicher Dialog zustanden, indem sie mach fragte, ob ich mit dem Fang meines ausdrücklichen Zielfisches nicht zufrieden gewesen sei. Ich konnte nicht leugnen, dass das Gewicht des vermeintlichen „Fuffis“, der nun noch ein guter „Dreißiger“ war, irgendwie einen Einfluss auf mich hatte. Doch tatsächlich stellte mir meine Frau dankenswerterweise dann folgende Fragen: Ist denn der Fisch leichter zu fangen, nur weil er weniger wiegt? Sieht denn der Fisch weniger urig und markant aus, nur weil er nicht sein Topgewicht hat? Ist denn der Fisch jetzt weniger wert als noch vor einiger Zeit, als er nachweislich über 25 Kilo schwer war? Alle diese Fragen konnte ich entschieden mit einem beherzten „nein“ beantworten. Tatsächlich hatte meine bessere Hälfte auch vollkommen recht. Ich hatte alles erreicht! Wir hatte eine wahnsinnig schöne Zeit gemeinsam, haben tolle Fische gefangen, schöne Bilder gemacht und am Ende sogar noch das eigentlich unausgesprochenen und still erhoffte Ziel erreicht und den einen ganz besonderen Fisch auf der Matte gehabt. Völlig egal mit welchem Gewicht, wir haben ihn gefangen und dann auch noch gemeinsam, im wahrsten Sinnen des Wortes.

 

Was sind denn Gewichte eigentlich wirklich wert im Vergleich zu all den tollen Eindrücken, Erlebnissen, Abenteuern und Glücksgefühlen, die wir regelmäßig am Wasser erleben? Gewichte sind, wie man sieht, vergänglich, Bilder, Emotionen und Erinnerungen bleiben für immer!

In diesem Sinne sei gesagt: Lasst euch nicht verrückt machen von scheinbaren Szenevorgaben und hitzigen Gewichtsdebatten. Versucht einfach, euren Weg und euren Stil zu finden, am Ende spielen Gewichte keine Rolle. Jeder fängt gern dicke Fische, auch ich spreche mich davon nicht frei, doch am Ende ist es nur ein einziger kleiner Baustein zum Glück.

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