Drei-
Länder-
Hattrick

Niklas Kühnel

10 Minuten Lesezeit


Angeln und reisen… Das mache ich am liebsten. Umso besser, wenn sich beides auch noch miteinander verbinden lässt. Ich bin nicht der Typ, der wochenlang an einem einzigen Gewässer aussitzt. Viel lieber angele ich innerhalb einer Tour mal in der einen Region und ziehe nach kurzer Zeit weiter in den nächsten Landstrich oder gar in ein anderes Land. Ich möchte im Urlaub möglichst viel sehen und mich mit unterschiedlichsten Bedingungen auseinandersetzen.

Mitte September war es endlich soweit. Ich war alleine, hatte eineinhalb Wochen Urlaub und absolut Bock mit meinem Auto rumzutouren und zu angeln. Also machte ich das, was ich am liebsten mag: Auto packen und einfach losfahren, ohne dabei ein konkretes Ziel vor Augen zu haben. Erst während der Fahrt entschied ich mich, die ersten Tage des Urlaubs in Spanien am Ebro zu verbringen. Nach 17 Stunden hinterm Steuer stand ich also an einem Samstagvormittag an den Ufern dieses mächtigen Flusses rund um den Ort Mequinenza und kaufte mir im örtlichen Angelladen schnell die nötige Angellizenz und im Supermarkt genug Verpflegung. Wo ich ungefähr angeln wollte, wusste ich schon. Nicht umsonst bin ich vor rund einem Jahr schon einmal ohne zu angeln hier gewesen und habe mir die Örtlichkeiten genauer angeschaut.

Jedoch waren viele meiner anvisierten Plätze bereits belegt. So musste ich auf einen Platz ausweichen, an dem sich sehr viel Treibgut sammelte. Kaum am Platz angekommen, kam auch schon die Guardia Zivil, die mir kaum abkaufen wollte, dass ich ganz alleine diese Strecke zurückgelegt habe und nach Überprüfung der Lizenz und ein wenig Smalltalk verabschiedete sie sich auch schon wieder und ich machte weiter mein Angelzeug startklar. Im Vergleich zu meiner sonstigen Angelei fischte ich hier sehr grob. Schwere Bleie, lange Vorfächer, große Haken und 24 mm Boilies kamen zum Einsatz, um der Strömung Herr zu werden. Der Bereich rund um meinen Platz war schlammig und relativ flach. Ich angelte mit einer meiner Ruten in sechs Metern Tiefe etwa 90 Meter weit raus und mit der anderen auf fünf Metern kurz vorm Ufer.

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Viel Struktur gab es hier wirklich nicht und immer wieder sammelten sich riesige Mengen Treibgut in meinen Schnüren. Ich war wirklich nicht zufrieden mit der Situation. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als die Ruten immer wieder neu rauszubringen. Den ersten Tag ging natürlich nichts und ich überlegte schon abzuhauen, doch letztendlich blieb ich doch noch einen Tag länger, aber auch hauptsächlich, um mich noch etwas von der langen Autofahrt zu erholen. Am nächsten Tag brachte ich die Ruten also erneut raus, fütterte einige Kilo Boilies und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder Treibgut in der Schnur hatte. Aber da musste ich durch. Irgendwann am späten Nachmittag machte mein Bissanzeiger wieder einige Piepser und ich rechnete mal wieder mit - was sonst - Treibgut! Doch die einzelnen Piepser verwandelten sich langsam in einen Dauerton. Ich nahm die Rute auf und der Drill konnte beginnen.

Nicht einfach, bei leichtem Unwetter mit der einen Hand die Rute zu halten und mit der anderen das Boot zu steuern. Nach einer gefühlten Ewigkeit aber hatte ich ihn im Kescher, meinen ersten spanischen Karpfen! Nach einem kurzen Fotoshooting entließ ich ihn zurück in sein Element und konnte getrost ins Bett gehen. Früh am nächsten Morgen stand ich auf und packte ein, denn ich wollte schließlich weiterziehen. Mein Ziel für den nächsten Tag war ein mir bisher völlig unbekannter Stausee in Südwestfrankreich. Als Route entschied ich mich, die Pyrenäen zu überqueren und dabei einen kurzen Aufenthalt in Andorra la Vella einzurichten. Allein diese Autofahrt war schon ein Erlebnis für sich. Was für eine schöne Natur!


Ich will reisen. Rumkommen. Die Welt entdecken und dabei an vielen unterschiedlichen Gewässern fischen. Das ist Urlaub für mich!

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Erst abends kam ich dann endlich am Ziel an. Der See erinnerte mich sehr stark an den Lac de Saint Cassien. Eine ähnliche Brücke gab es und lauter schöne Spitzen, die zum Verweilen einluden. „Hier geht was!“, war ich mir sicher. Von der Brücke aus entdeckte ich schon eine vielversprechende Spitze. Mit Hilfe von Google Maps suchte ich eine passende Straße heraus, von wo der Platz nicht weit entfernt war und ich hatte Glück. Ich kam an einem Platz raus mit Bootsrampe und vielen Parkplätzen. Schnell belud ich mein Boot und stach in See. Nach 10-minütiger Fahrt war ich am Platz angekommen, es war schon dunkel und ich todmüde. Trotzdem war ich so heiß aufs Angeln, dass ich zumindest zwei Ruten ins Nirgendwo ablegte, um so wenigstens die Möglichkeit zu haben, etwas zu fangen, bevor ich mich schlafen legte. Am nächsten Morgen nach einem starken Kaffee machte ich die zwei weiteren Ruten ebenfalls startklar und erkundete meinen Platz mit dem Echolot.

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Eine Uferkante gab es nicht. Der Auslauf der Spitze erstreckte sich im Wasser genau so fort und so legte ich die vier Ruten verteilt in verschiedenen Tiefen ab. Eine auf fünf, sieben, zehn und die letzte auf zwölf Meter. Damit sollte im Großen und Ganzen alles abgedeckt sein. Die beiden tieferen Ruten markierte ich mit einem Marker und fütterte täglich mehrere Kilogramm Boilies. Bei den flacheren setzte ich auf Fallen mit Tigernüssen und auffälligen Pop Ups. Ich hatte wirklich ein gutes Gefühl, doch ich täuschte mich gewaltig. Die kompletten drei Tage, an denen ich hier war, konnte ich im gesamten Seegebiet nicht einen einzigen Karpfen ausmachen. Es hat einfach nichts geholfen, wie sehr ich es auch versucht habe. Es schien so, als wären einfach keine Karpfen da.

Grund für mich, mein Zeug zu packen und weiterzufahren. Eine Nacht hatte ich noch zur Verfügung, bevor ich blöderweise ausnahmsweise am Samstag arbeiten musste, da meine Firma an diesem Tag den "Tag der offenen Tür" hatte und ich repräsentieren sollte. Ich entschied mich, diese letzte Nacht an der auf dem Heimweg liegenden Rhone südlich von Lyon zu verbringen. So oft bin ich an diesem wunderschönen Fluss schon entlang gefahren und niemals kam ich dazu dort zu angeln. Doch das hat jetzt ein Ende! Nachdem ich endlich einen Platz gefunden hatte, an dem ich mit dem Auto bis zur Angelstelle fahren konnte, machte ich mich auf Spotsuche. Wie ich feststellen konnte, angelte ich in einem großen Flachwasserbereich, der maximal drei Meter tief war. Mittig der Rhone hätte ich sogar locker stehen können.

Schlimm war die geringe Tiefe für mich nicht. Ich vermutete nämlich, dass die Fische ins Flachwasser ziehen würden, um nach Futter zu suchen. Ich angelte fast mit der gleichen Montage wie in Spanien auch. Große Bleie und große Köder. Meine Vermutung bestätigte sich, und nachdem ich nachts durch eine fette Barbe „gestört“ wurde, lief am Morgen des nächsten Tages eine meiner Ruten ab. Nach einem aufregenden Drill und gefühlt fünf Kilometern flussabwärts hatte ich einen traumhaft schönen Schuppenkarpfen im Kescher, den ich anschließend voller Stolz in die Kamera halten durfte! Was für ein grandioser Tagesbeginn. Nach dem Shooting packte ich mein Auto voll und es ging ab nach Hause. Immerhin hatte ich noch rund 800 Kilometer vor mir. Es war schon gewöhnungsbedürftig nach einer Woche wieder mit Menschenmengen in Kontakt zu kommen und in einem richtigen Bett zu schlafen.

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Abschalten. Frei sein. Unterwegs sein. Auf dem Rückweg halte ich an der Rhone.


Nachdem ich also den Samstag auf der Arbeit überstanden hatte, ging es direkt am nächsten Morgen weiter an einen großen belgischen Kanal. Ich hatte ja noch drei Tage Zeit zum Angeln. Sonntags um 05:30 Uhr war ich bereits auf der Straße und gegen 09:30 erreichte ich mein Ziel. Endlich angekommen, suchte ich wieder mal zu allererst einen Platz. Das gestaltete sich jedoch viel schwerer als gedacht. Genau an diesem Tag nämlich fand ein Fahrradrennen in meinem anvisierten Gebiet statt und so waren einige Straßen gesperrt und überall standen Ordner herum und leiteten die Autofahrer um. Nach ewigem Hin- und Herfahren fand ich aber endlich doch noch ein Platz in einem alten Industrie- bzw. Hafengebiet. Alles voller Graffiti und heruntergekommenen Gebäuderesten. Nicht unbedingt der Ort, an dem ich mich naturverbunden fühle, aber ich fand nun mal nichts Schöneres. Es schüttete wie aus Eimern und ich war froh, als mein kleines Zelt stand und ich Unterschlupf fand.

Ich warf meine beiden Ruten schnell in Ufernähe aus, machte es mir bestmöglich bequem und,  kaum zu glauben: nach einer guten Stunde während einer kurzen Regenpause riss etwas plötzlich brachial Schnur von meiner Rolle und ich sprang im Akkordtempo zur Rute, die schon aus der hinteren Buzz Bar gezogen wurde. Während dem Drill wurde mir bewusst, es kann sich nur um ein richtig Guten handeln und als die Maschen meines Keschers nach einer gefühlten Ewigkeit endlich den Fisch umschlossen, konnte ich mein Glück kaum fassen. Ein richtig fetter Spiegelkarpfen mit exakt 20 Kilogramm. Was für ein krasser Fisch und Wahnsinnsstart! Mein erster Belgier überhaupt und dann direkt so ein Brett. Mega! Überglücklich lichtete ich mich mit diesem Fisch ab und setzte ihn anschließend vorsichtig zurück ins dunkle Nass.

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Jetzt war ich richtig heiß und machte die Rute sofort wieder startklar, warf den selbigen Platz an und fütterte ein gutes Kilogramm Boilies darauf. Aber es blieb von nun an ruhig. Ich probierte infolgedessen weitere Spots aus. Ob direkte Uferkante oder mitten in der Fahrrinne - es ging nichts mehr. Ich unterhielt mich mit einem örtlichen Feederangler. Er meinte, er hätte hier noch nie einen Karpfen gefangen und er war sehr erstaunt, als ich ihm das Bild meines Fisches zeigte. Scheint so, als hätte ich wirklich irres Glück gehabt! Dienstag früh war es dann so weit und ich packte zusammen und verabschiedete mich aus Belgien. Ich wollte noch zum Frühstücken ins Nachbarland Holland nach Maastricht fahren und von dort aus ging es dann schlussendlich nach Hause…

Ich habe in diesen 1 ½ Wochen wirklich viel erlebt und gelernt. Ich bin definitiv reicher an Erfahrung geworden und es wird mir sicherlich schwer fallen, wieder in den Alltag zurückzufinden. Der Durst nach Abenteuer wird bei mir wohl nie gestillt werden und ich blicke schon jetzt sehnsüchtig der nächsten Tour entgegen!

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