Gibt es den perfekten Winterköder – oder zählt das Futter nur bedingt? Im neuesten Teil unserer 12 ft. Kolumne mit Thomas Roll blickt der Inhaber der Bait Fabrik auf seine Winterangelei zurück und beschreibt, mit welcher Futtertaktik er an verschiedenen Gewässertypen in der kalten Jahreszeit regelmäßig zum Erfolg kommt. Los geht´s, du hast das Wort, Tom.

Es liegt viele, viele Jahre zurück: mein erster Winter, in dem ich gezielt auf Karpfen geangelt habe. Ich habe an einem Gewässer mit ca. 12 ha geangelt, das außer meinen Boilies zu dieser Zeit keinen Futtereintrag kannte. Es war anglerisch ein sehr extremes Jahr für mich. Mit Ausnahme des 24.12. war ich jeden Tag am Wasser. Auch wenn es an einem Tag mal nur ums Füttern ging, wurden auch da für zwei bis drei Stunden die Ruten geworfen. Ich hatte in diesem Jahr eine brutale Serie mit einer unheimlich erfolgreichen Wochenend-Angelei und ja, ich, mein alter Herr und mein bester Freund waren damals die einzigen Karpfenangler am Gewässer – kann man sich heute nicht mehr vorstellen.

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Es war Anfang November 1992, ein Donnerstag-Nachmittag, als der mächtige Cormoran-Melder auf dem Rod Pod blinkte und der neongrüne Affenkletterer rauf und runter schlug. Das Ganze ausgelöst durch einen Spiegler mit damaligen unglaublichen 19,3 Kilo. Der Fisch war der Startschuss für meinen ersten Winter, in dem ich ausdauernd gezielt auf Karpfen geangelt habe. Die Motivation war dermaßen hoch, dass diese für mehrere Jahre gereicht hätte und ich kurz davor war, mich unsterblich zu fühlen. Und so ging es rein in den Dezember und die Fänge blieben auch konstant hoch – für mich damals nicht einzuordnen, warum das so war. Sogar einen Tag vor Heiligabend konnte ich noch zwei vernünftige Fische fangen und bescherte mir selbst ein perfektes Weihnachten.

Nährstoffreiche Gewässer meiden

Mit fortschreitendem Winter fror der See allerdings immer mehr zu und ich wurde gezwungen, meine bewährten Futterplätze aufzugeben. Mit einer Shimano Power Loop 2,0 lbs angelte ich Futterkörbe direkt zum Übergang vom Eis ins offene Wasser und bekam innerhalb kürzester Zeit an einem sonnigen Faschingssonntag den ersten Biss an freier Leine – unglaublich. Die Fische waren nicht mehr die Größten, aber egal. Ich konnte damals nicht einordnen, warum ich im Winter so erfolgreich unterwegs war, heute weiß ich es – das Gewässer war arm an natürlicher Nahrung.

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Ich habe über die Jahre an vielen unterschiedlichen Gewässern im Winter geangelt. Mittlerweile meide ich im Winter die flachen Seen, aber auch die ganz tiefen kommen nicht in Frage. Die winterliche Angelei am Fluss funktioniert wieder ganz anders.

Aber was zählt jetzt wirklich in Sachen Köder? Ich empfehle euch, für eure Winterangelei Gewässer, die nicht zu viel an natürlicher Nahrung über die warmen Monate produzieren. Dann sind auch die Fische aus dem Bestand im Winter viel aktiver auf Nahrungssuche als an nährstoffreichen Gewässern.

Flussangelei im Winter

Im Fluss fische ich ausschließlich im oberen Bereich der Staustufen, immer auf der Seite, wo die Schleusentore geschlossen sind. Hier angle ich auch im Winter auf Futterplätzen, die ich seit dem Frühherbst pflege. Allerdings ändere ich die Größen der Boilies und verwende in der kalten Jahreszeit nur noch Boilies in Kissen- und Dumbell-Form in den Größen 28 und 32 mm. Für meine Flussangelei in der kalten Jahreszeit bewährt es sich, immer wieder die Boilies einzeln auszubringen. Ich weiß inzwischen aus unzähligen Stunden Beobachtung, dass die Fische ganz gezielt nach den einzelnen Boilies suchen. Fütterte ich konzentriert, kreisten die Fische oft lethargisch über dem Futter am Grund und nahmen nur wenige Stücke auf. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass mit Stickmix und Groundbait oft die Döbeln und anderes Zeugs animiert wurde, die Karpfen-Bisse blieben aber aus.

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Fütterte ich allerdings einzeln große Boilies in unterschiedlichen Formen und präsentierte dazwischen einen gedippten Hakenköder der gleichen Form und Größe, dauerte es oft nicht lange, bis der erste Einschlag kam. Ich verwende auch seit Jahren keine Partikel mehr in meiner Winterangelei. Aber Partikel sind für mich so oder so in vielen Situation für die Angelei auf Karpfen nur bedingt tauglich.

Stehende Gewässer in der kalten Jahreszeit

Angle ich im Winter an den stehenden Gewässern, nimmt das Futter eine ganz andere Stellung ein. Wenn das kalte Wasser steht, angle ich gerne mit Futterkorb und/oder mit einem Flat an einer weichen Karpfenrute mit nicht mehr als 2,0 lbs Testkurve, aktiv und wechsle sehr oft die Spots. Sind die Fische allerdings gefunden, können auch im Winter wahre Fangorgien passieren.

Boilies kommen bei mir an den Seen maximal in der Größe von 10 mm zu Einsatz, denn die Fische im stehenden Gewässer Verhalten sich ganz anders als in der Strömung. Method-Mixe angereichert mit Zuchkmückenlarven, Ruderfußkrebse und flüssigen Komponenten wie Leber oder Krabbenextrakt verwende ich gerne. Auch verwende ich Additive in Pulverform wie CPX, Rinderleber und mit einer großen Vorliebe unseren NHDC-Sweetner. Als Köder dienen hier ausschließlich ausbalancierte Hakenköder.

Location ist im Winter wichtig

Aber, auch die Herangehensweise unterscheidet sich bei mir grundsätzlich. Betreibe ich im Fluss auch im Winter die Ansitzangelei, um Karpfen zu fangen, so bin ich am See wie ein Spinnfischer oder Stalker unterwegs und werfe meine Hotspots 3-4-mal an. Kommt keine Aktion – ich ziehe weiter.

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Unterm Strich ist für mich im Winter nicht das Futter der Schlüssel zum Erfolg, sondern noch viel wichtiger als in den Sommermonaten ist die Location. Schaut in das klare Wasser und beobachtet die Übergänge von Eis zum offenen Wasser. Angelt in den eisfreien Löchern im Gewässer mit einem leichten Set-Up und ihr werdet die Bisse schnell erkennen. Und, vergesst auf keinen Fall die Uferkanten. Hier streunen sie umher wie die Nomaden.

Als Tipp möchte ich euch mitgeben: scheut euch auch im Winter nicht davor, große Köder in den Flüssen zu verwenden. Ihr werdet verwundert sein, wie sich eure Angelei verändern kann. Und, angelt an den Seen aktiv – hält auch den Körper warm.

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